Überlegungen zur Malerei fortgesetzt: Mensch-im-Bild/Perspektivwechsel.

Das Folgende ist eine erste Fortsetzung von Überlegungen, die ich unter dem Titel „Pareidolie“ begann. 

In der Malerei war früher, insbesondere in der Barockzeit, die sogenannte Staffage sehr beliebt: eine Landschaft wird dargestellt, doch um sie für den Betrachter „aufzuschließen“, werden Menschen ins Vorfeld gesetzt, die diese Landschaft besuchen, sich in ihr ergehen oder in ihr leben. Oft sind die Menschen winzig, und dennoch geben sie den Maßstab an und setzen den innerbildlichen Fokus, von dem aus du nun die Landschaft quasi noch einmal siehst.

(Claude Lorrain, Blick von Tivoli (1644/45), siehe: „Staffage“-Artikel bei Wikipedia)

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Dieser „Mensch-im-Bild“-Effekt ist ein Gebiet der Wahrnehmungspsychologie, das, soviel ich weiß, noch kaum erforscht ist und mich sehr interessiert. Es geht mir dabei um das, was ich bei meinen vorangegangenen Überlegungen die Subjekt-Objekt-Schranke nannte. („Die Subjekt-Objekt-Schranke wird brüchig“, hier). Wie gelingt es, dass wir uns in einen anderen Menschen so hineinversetzen, dass wir die Welt mit seinen Augen sehen und mit seinem Herzen fühlen? Wie gelingt „Empathie“?

Im Beispielsbild von Pousin wird „der Mensch im Bild“ genau wie die Landschaft und die Tiere behandelt: als Objekt. Der Maler nimmt einen höheren Standpunkt außerhalb des Bildes ein und „blickt hinunter auf Menschen, Tiere und Landschaft“. Der Maler ist das „Ich“ (Subjekt), alles andere ist „Es“ (Objekt). Das ist die herkömmliche Sichtweise, die in der Sprache, in unserem Denken, Fühlen, in unserer gesamten Weltwahrnehmung grundlegend ist. Ich (Subjekt) unterwerfe („subjugiere“) mir die Welt, mache sie zu meinem ureigensten Entwurf (Objekt). Die Begriffe stammen aus der griechiscvhen Grammatik und wurden im Mittelalter latinisiert: hypokeimeno – über dem Text stehend, antikeimeno – Gegenstand des Textes. Für „Text“ kann alles und jedes eingesetzt werden.

Der Maler und sein Objekt, das zusammengesetzt ist aus Menschen und anderen „Dingen“ – gut, das versteht sich leicht.

Was aber ändert sich, wenn ich als Betrachter des Bildes hinzukomme?  Ich habe die Wahl, den Standpunkt des Malers oder des „Objektes“ (der abgebildeten Personen) einzunehmen. Ich kann die Perspektive wechseln.

Manche Maler machen diesen Perspektivwechsel sogar zu ihrem Thema, so etwa August Macke in seinem Bild „Russisches Ballett“.

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Als Betrachter des Bildes werde ich hineingezogen in die Erlebniswelt der Zuschauerin, die ich nur in Rückenansicht habe und deren Gefühle ich nicht kenne. Ich sehe den schmalen hoch aufgerichteten Rücken, das glänzende Satin ihrer Bluse, ihren ragenden Hut, ihr leeres Halbprofil, das, wenn ich es zulasse, sich nun mit Gedanken und Erregungen füllt.  Ich blicke mit ihren Gefühlen auf die Bühne, wo sich ein getanztes Drama abspielt. Der Maler, der unsichtbar hinter ihr steht, lädt uns ein, in ihre Haut zu schlüpfen.

Ich kann, wenn ich will, nun einen weiteren Sprung machen und mich mit jedem einzelnen der Darsteller identifizieren: mit dem Pierot, mit dem Verführer und der Verführten. Und noch einmal kann ich die Darsteller aufspalten in Mensch und Rolle, kann erleben, wie der Mensch, der den Pierot darstellt, hinter seiner Rolle ist….Und so werden mir die gemalten Objekte zu Subjekten.

Sehr berühmt wurde ein Gemälde von Velasquez, in dem er sich selbst ins Bild stellte: Las Meninias. In diesem rätselhaften Bild treibt er das Spiel der Wechsel-Perspektiven in raffinierte Höhen.

Las Meninas (Diego Velázquez)

Einer der Bewunderer dieses Bildes war Eduard Manet, der es in seinem Gemälde „Bar in der Folies Bergere“ auf seine Weise interpretiert.

Bar in den Folies Bergère (Édouard Manet)

Wir alle kennen die Aufforderung, uns mit anderen Personen zu identifizieren und ihre Sichtweise einzunehmen, bei dichterischen Texten: der Autor ist klassischer Weise das allwissende ICH, doch seine erdichteten Personen können ihrerseits zum Ich-Erzähler werden und die Welt aus ihrer Sicht aufschließen. Und wir als Leser schlüpfen in die Haut des einen oder anderen und sehen, leiden, zittern, freuen uns, atmen mit dieser vom Objekt zum Subjekt gewandelten Person. Das war schon so, seit es Dichtung gibt. Odysseus erzählt die Ereignisse seiner Heimreise aus seiner Ich-Perspektive – und dahinter verbirgt sich ein Autor, den wir Homer nennen. Ich-als-Leser kann beide Persepktiven in mir beleben.

Noch intensiver wird der Perspektivwechsel im Theater oder Film erlebt, wo jede der handelnden Personen uns leibhaftig aufzufordern scheint, die Dinge aus ihrer Sicht zu betrachten. Genau das war im klassischen Altertum der Grund, weshalb der Theaterbesuch Pflicht war: die Menschen sollten lernen, ihre eigene Sicht der Dinge dadurch zu erweitern, dass sie sich in fremde Schicksale hineinlebten und anschließend mehr verstanden von der Breite und Tiefe der Seelenwelt des Menschen, als ihnen durch ihr eigenes Erleben möglich wäre.

(wird fortgesetzt)

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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10 Responses to Überlegungen zur Malerei fortgesetzt: Mensch-im-Bild/Perspektivwechsel.

  1. Avatar von Stefan Kraus Stefan Kraus sagt:

    Wundervoller Beitrag.
    (Beim letzten Absatz dachte ich an die Dominanz der Abknallerei in den die nachwachsende Generation ebenso dominierenden Videospielen und Actionfilmen, die der Jugend das Theater heute ersetzen. Ich werde offenbar alt.)

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Danke, Stefan. Es ist ziemlich entsetzlich, womit sich Jugendliche identifizieren (infiziert werden), bevor sie überhaupt in der Lage sind zu ermessen, was das in ihrer Seele anrichtet. Die Identifizierungen gerade im Jugendalter sind so wichtig, damit der Heranwachsende im Chaos der Möglichkeiten seinen eigenen Weg finden kann. Mir scheint, jeder, der als Erwachsener sein Leben überdenkt, kommt entweder zu positiven oder negativen Identifizierungen im Jugendalter, die prägenden Einfluss auf alles weitere hatten. Oder er kommt auf „nichts“ und fühlt sich bodenlos.

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  2. Zwischen Bild und Text sehe ich einen Unterschied. Bei dem Bild habe ich ja eine statische Darstellung und muss mich selbst in die abgebildete Person/Situation hineindenken , während ich im Text z.B. ja von dem Autor geführt werde und dann entscheide ich, ob ich Parallelen finde oder mir eine andere „Lösung“ genehmer wäre. Hier wäge ich also ab, während beim Bild mir meine Fantasie mehr eigene Freiheit zulässt.

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Ja, Werner, es gibt da sehr große Unterschiede im „Freiheitsgrad“. Ich habe sogar den Eindruck, dass die meisten Menschen sich überhaupt nicht in gemalte Personen einfühlen, da es eines besonderen Willensentschlusses bedarf, es zu tun. Man muss länger hinschauen und sich hingeben. Ganz anders ist es beim Lesen, wo man durch die Spannung der Handlung mitgenommen wird, oder gar im Film, wo man sich kaum zur Wehr setzen kann…
      Es gibt freilich auch bei gemalten Bildern Ausnahmen: manche wirken sehr stark auf die Psyche, und wer dafür aufgeschlossen ist, kann sich kaum entziehen. Man identifiziert sich dann aber in der Regel nicht mit einer bestimmten Person, sondern mit einem Gefühl: Angst, Schrecken, Ekel, Kraft, Eros, Scham, Herrschaft, Erniedrigung, Mitleid, um nur einige zu nennen.

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  3. Avatar von Myriade Myriade sagt:

    Ja, sehr interessante Betrachtungen ! Damit habe ich mich bewusst noch nicht beschäftigt, kann also eigentlich noch gar nichts dazu sagen

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    • Was für ein wundervoller informativer Bericht, liebe Gerda, und die Schmuckstücke darin, eines wundervoller als das andere…
      So viele wundergute Maler und so unendlich viele Motive, die ihnen gewissermaßen nachliefen…
    • Eine Welt voller Wunder und jedes möchte *abgebildet* sein…

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