Ich nehme an, ich bin nicht die einzige hier, die dieser Lustbarkeit frönt, wenn sie nichts Dringenderes zu tun hat: ein Buch aus dem Regal ziehen, es irgendwo aufschlagen und zu lesen beginnen.
Heute erwischte ich das Büchlein „Ich hasse die moderne Kunst“ von John Anthony Thwaites, 1960 im Ullstein-Verlag verlegt und so arg zerlesen, dass es sich in der Mitte geteilt hat. Das Buch ist eine Einführung in die moderne Kunst für diejenigen, die sie „hassen“, oder besser: für die, sie sie weder kennen noch kennenlernen wollen. Das waren im damaligen Deutschland, wo Thwaites (britischer Kunstkritiker,1909-1981) als Mitarbeiter des britischen Konsulats seit 1946 lebte, so ziemlich alle. Denn „moderne Kunst“ hatte seit 1933 auf dem Kunstindex der Nazis gestanden.
Auf dem Vorsatzblatt steht eine handschriftliche Widmung: Pour toi, mon amie, alors, nous verrons Paris! Gisela und darunter Anne. Meine Erinnerung gibt dazu nichts her, wenngleich auch ich damals nach Paris unterwegs war. Ob ich das Büchlein in einem der Buchkästen an der Seine fand?
Dort, wo sich das Buch geteilt hat – S. 56 – beginnt „Teil II Expressive Kunst, I Expressionismus“, und zwar mit einer Erinnerung von Paul Gauguin. 
Gauguin betrat seinen Wohnraum, in dem nicht wie gewohnt die Lampe brannte. Hatte seine Freundin ihn verlassen? Seine diesbezügliche Furcht war unbegründet – aber er bemerkte grässliche Angst in den Augen der jungen Frau, als er einen Streichholz entzündete. Sah sie in ihm einen Dämon? Einen tupaupas, „die ihr Dasein in unseren schlaflosen Nächten haben„? Gauguin fügt hinzu: „Wie konnte ich wissen, ob das, was sie fürchtete, nicht tatsächlich wirklich war?“
Ja, wie konnte er das wissen? Sind „Dämonen“, die ihr Dasein in unseren schlaflosen Nächten haben und an die die Tahitianer glauben (weswegen sie im Dunkeln immer ein Lämpchen brennen lassen)…, sind diese Dämonen „tatsächlich wirklich“ oder nur im Traum und Aberglauben wirklich und wirksam?
Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Glauben und Aberglauben? fragt Maren von „ich lache mich gesund“ in ihrem Eintrag vom 11.1.2024 (hier). Ich zitiere:
Vor einiger Zeit schrieb ich mal was von „dämonischen Kräften“, von denen diese Welt befreit werden müsse. Und jemand kommentierte, dass der Glaube, dass es Dämonen gebe, schlimmer „Aberglaube“ sei. Seitdem fragte ich mich, wo der Unterschied zwischen „Glauben“ und „Aberglauben“ ist. Ob es überhaupt einen Unterschied gibt.
Denn, was „glauben“ die Menschen? Das, wovon ihnen gesagt wurde, dass sie daran „glauben“ dürfen / müssen.
Religionen, also das, wo es im Wesentlichen nur um „Glauben“ geht, basieren auf meist sehr alten Mythen und Legenden. Unsere „Erbinformation“, unsere DNA, besteht aus einer Doppelhelix (Spirale). Und so ähnlich ist es auch mit diesen „ererbten“ Informationen der alten Mythen. Wie in einer Spirale wiederholten sich mythologische Vorstellungen….
Das Bild der jungen Tahitianerin begeistert heute auch deutsche Betrachter, die sicher nicht verstehen, wieso dies mal „entartete Kunst“ war (vergl. hier). Und doch war sie es, denn ein anderer „Glauben“ und andere „Dämonen“ als heute hatten die deutschen Menschen im Griff. Es gab ja eine Zeit, und sie liegt gar nicht so weit zurück, als sehr viele Menschen nicht nur glaubten, dass arisches Blut von andersrassischem Blut getrennt werden müsse, sondern als sie zur fürchterlichen Tat schritten, um diesem Glauben Wirklichkeit zu verschaffen. Und wer sagt mir, dass es nicht gerade solche Dämonen waren, die die junge dunkelhäutige Frau heraufdämmern sah?

Manao Tupapau, Gemälde von Paul Gauguin (1892)
Aber so weit brauchte sie eigentlich gar nicht in die Zukunft zu schauen, denn ihr eigenes Heimatland war 1880 endgültig unter die französische Kolonialverwaltung gefallen…. (Wiki: hier) Auch vorher schon war der Traum vom „glücklichen Wilden“ eher ein Traum der sogenannten „zivilisierten Welt“, mit verheerenden Folgen: „Die Europäer hatten zwei Dinge im Gepäck, die die Einheimischen nicht hatten: Schusswaffen und europäische Krankheiten. Gegen beides waren sie wehrlos.“ (Quelle)
Eine dritte (bzw erste) Waffe war die christliche Missionierung. Und so lese ich: „Auch der Maler Paul Gauguin trug maßgeblich dazu bei, dass die Südsee zum Mythos wurde. Als Gauguin endlich die Mittel hatte, selbst dorthin zu fahren, war er allerdings tief enttäuscht. Statt der unverdorbenen Wilden traf er Mitte des 19. Jahrhunderts fast nur noch missionierte Tahitianer an. Die Bilder, die er schuf, entsprechen nicht der Realität, die er vorfand, sondern seinen Wunsch- und Traumbildern.“ (ebenda)
Was seinen eigenen Beitrag betraf: Eine der „tatsächlichen Wirklichkeiten“ war, dass Gauguin bei seinen jungen „wilden“ Geliebten die sexuelle Befriedigung suchte, die sein von Drogen, Alkohol und Syphilis schwer geschlagener Leib sich in Frankreich nicht mehr holen konnte. So trug er selbst aktiv bei zur Zerstörung des Paradieses, das er erträumte.
Ja, beten wir weiter die moderne Kunst an und fragen nicht…🙃
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anbeten ist genauso blöd wie hassen.
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Ich sagte etwas anderes…
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Ich war in den Neunzigern segelnd in der Südsee und habe den französischen Einfluss erlebt. Der landschaftlichen Schönheit französisch Polynesiens konnte er glücklicherweise nichts anhaben. Besonders faszinierend fand ich Thor Heyerdahl’s Buch und seine Erfahrungen auf Fatu Hiva, wo ihm seitens der Einheimischen Feindschaft entgegen schlug. Ihm und seiner damaligen Frau wurde die romantische Illusion vom naturverbundenen Leben in der Südsee gründlich ausgetrieben. Tolles Buch.
”Fatu Hiva: Zurück zur Natur” 1937/38. LGLore
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Danke für den Lesetipp, Lore! ich kenne nur ein dunkles Mädchen aus Polynesien, das von einem belgisch-griechischen Paar adoptiert wurde. Sie wurde von der Mutter weggegeben, um „ein besseres Leben zu haben“. Das, so die Adoptivmutter, sei in Polynesien normale Praxis. Jetzt ist Anna schon erwachsen, hat in Paris studiert und lebt zur Zeit in Japan. Merkwürdige Wege…
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Ich lese immer so gerne in deinem Blog, bspw wegen Sätzen wie diesen „So trug er selbst aktiv bei zur Zerstörung des Paradieses, das er erträumte. “ … ich kann diesen Satz auf so viele Weise täglich anbringen, es ist zum Lachen und zum Heulen und am Ende bleibt nur das baffe Staunen.
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Danke, Alexander. Ja, er lässt sich auf so vieles anwenden, fast ist es ein Gesetz menschlichen Handelns.
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