Sonntagsausflug zum Dionysos-Heiligtum

Schon lange wollte ich diese archäologische Stätte besuchen, die sich „irgendwo im Wald“ des Athener Vororts Dionysos befinden sollte.  Doch wo? Das Internet schwieg sich aus, wusste nur von einer Kirche dieses Namens zu berichten.  Doch meine Freundin Tania, besser vertraut mit solchen Recherchen, wurde fündig: Das Heiligtum sei zwar fürs Publikum geschlossen, aber wir wollten es dennoch besuchen, zumal es dort in der Gegend auch eine „Höhle des Dionysos“ und Wasserfälle geben sollte.

Heute – Sonntag, 17.3. – bei Bestwetter brachen wir auf. Doch wo genau war das Heiligtum? Die Leute bei der Tankstelle wussten nichts, der Kiosk-Inhaber auch nicht, doch eine alte Frau wies uns den Weg. Vor dem verschlossenen Tor standen drei junge Leute, der eine outete sich als „Dionysos-Priester“. Ja, gleich würde jemand das Tor öffnen, wir könnten auch von der Seite hinein, aber auf dem Gelände gebe es Hunde…. Wir warteten, und er erzählte uns, dass eben heute der Tag des Dionysos sei (im christlichen Kalender „Tag des Heiligen Dionysios“) und dass sie eine Feier zu Ehren des Gottes machen würden. Die Umzäunung sei leider notwendig geworden, weil 1997 das Heiligtum von kirchlichen Fanatikern erneut vandaliert worden sei…. Aha, das waren also  „Alt-Götter-Verehrer“, eine anti-kirchliche Bewegung mit ziemlich obskuren Zügen, die sich die Wiederbelebung der alten Riten zur Aufgabe gemacht hat. Aber wir waren glücklich: das Tor würde sich öffnen.

Schließlich zeigten sich auch die Hunde: drei große deutsche Schäferhunde, die sich sehr gerne von uns streicheln ließen.  Und so trauten wir uns schließlich doch, von der Seite ins Gelände einzusteigen.

Inzwischen hatten sich die ersten Dionysos-Adepten mit weißer Standarte und allerlei Gerät – später kamen noch Blumensträuße und Trommeln dazu – vor dem einzigen aufrechten Gemäuer versammelt, in dem früher die Dionysos-Statue stand. Von Ferne betrachteten wir das Kommen und Gehen.

Ich versuchte auch ein wenig zu skizzieren, zunächst die hochragenden Pinien – einmal mit Bleistift, einmal mit Kuli und Bleistift gezeichnet. …

… dann auch die Szene vor mir.

Schließlich machten wir uns, bevor die eigentliche Liturgie begann, wieder auf den Weg, denn wir wollten die Wasserfälle suchen. Davon morgen.

Doch nun noch etwas zu diesem Heiligtum: Warum ist es so unbekannt? Die Frage stellt sich auch ein Artikel, den Tania für mich ausfindig machte. http://megaseniautos.blogspot.com/2010/01/blog-post_3510.html.

Einige Informationen daraus: Nach den antiken Quellen wurde an diesem Ort erstmals der Dionysos-Kult eingeführt.

Ein Mann namens Ikarios hatte den damals in Attika noch unbekannten Gott gastlich bewirtet und erhielt als Geschenk ein Weinfeld und die Kunst des Weinkelterns. Glücklich lud er  die Hirten der Gegend zum Trinken ein, doch die betranken sich und fühlten sich schlecht. Sie verdächtigten den Ikarios, dass er sie vergiften wollte, und erschlugen ihn. Am nächsten Morgen sahen sie die Bescherung, verscharrten den Toten und flohen. Die Tochter des Ikarios aber war so traurig, dass sie sich erhängte.

Daraufhin begann in Athen eine Art Manie: Ein junges Mädchen nach dem andern erhängte sich. Die verzweifelten Athener pilgerten nach Delphi und erfuhren, dass sie die Toten ehrenhaft bestatten, die Täter bestrafen und dem Gott ein Fest widmen sollten. So geschah es. Außerdem wurde eben hier ein Heiligtum mit Theater errichtet.

Die Dithyramben, die zu des Gottes Ruhm gesungen wurden, sind der Ursprung des Trauerspiels. Der erste, der aus den Dithyramben ein Drama machte, indem er einen Einzeldarsteller aus dem Chor löste und so einen Dialog zwischen Chor und Einzelperson einführte, war ein Mann namens Thespis. Von ihm leitet sich das Theater her. Er stammte aus eben der Gemeinde, die wir heute besuchten.

Kurzum: An diesem völlig vergessenen Ort liegt der Ursprung der Weinkultur und des Theaters. Warum – das ist die große Frage – ist er nicht zum Mekka der Weinliebhaber und Theaterleute weltweit geworden und ist stattdessen darauf angewiesen, dass ein paar obskure Neuheiden hier eine Liturgie wiederzubeleben suchen, um den Gott zu ehren?

Die drei eingefügten Bilder von Dionysos habe ich dem o.a. Artikel entnommen.

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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7 Antworten zu Sonntagsausflug zum Dionysos-Heiligtum

  1. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    Ein richtiges Abenteuer war es, liebe Gerda, diesen Ort aufzuspüren, den fast keiner kannte und dann, tja, dann hätte es da auch anders aussehen sollen… Geheimnisvoller und verwunschener, ein Platz zum Gedenken, das wäre schön gewesen.
    Dankr für Deine aufklärenden Worte über diesen Gott des Weines und des Theaters.

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  2. Myriade schreibt:

    Ja wirklich erstaunlich, dass der Platz ganz unbekannt ist ….

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  3. Es ist schon eindrucksvoll, wenn man das, was man als etwas sehr Fernes und zur Geschichte Geronnenes mit realen Plätzen und Hinterlassenschaften verbinden und erleben kann.

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    • gerda kazakou schreibt:

      Danke Joachim. Ja, das ist einer der Zauber dieses Landes, dass es trotz aller Brüche eben doch auch eine Kontinuität gibt und Geschichte so ganz begreiflich zu werden scheint. , .

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  4. wechselweib schreibt:

    Das Dionysische Prinzip fällt mir dazu ein, das als Gegenprinzip das Apollinische Prinzip hat.

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