Vielschichtiges im Atelier: über Wirklichkeit und Idole (είωλο)

Dies ist ein Blick auf und durch meine Ateliertür. Die Tür besteht aus einer eisernen festen Platte mit Rahmen, in dessen oberen Teil eiserne Verstrebungen mit Ranken eingelassen sind, sowie aus einem frei beweglichen verglasten Eisenrahmen, der sich gesondert öffnen lässt. So kann man die Tür abschließen und dennoch Luft bekommen.  In diesem Fall ist die ganze Tür nach Innen geöffnet, die Glasscheibe ist hinter den Verstrebungen befestigt, ich stehe drinnen und fotografiere von rechts nach links im Innenraum, gegen die geöffnete Fenstertür gewendet.

Mich fasziniert das vielschichtige Bild, das sich hinter den Verstrebungen abzeichnet. Da sind zum einen die Spiegelung des Gartens auf der Glasscheibe  (… Moment mal, wieso kann der sich in der Glastür spiegeln?) und der leicht getrübte Durchblick auf die Malutensilien (Pinsel, Farben etc).  Auf einer tieferen Ebene dahinter sieht man ein Fenster mit ebensolchen Verstrebungen und durch dieses Fenster hindurch einen wirklichen, also nicht-gespiegelten Abschnitt des Gartens.

Zwischen diesen beiden Scheiben schweben Schatten der ersten Verstrebung. Sie scheinen einfach in der Luft zu schweben, keine Ahnung, worauf sie sich abbilden. Schau mal auf den dicksten dieser Schatten, den über dem blauen Campinggas (anklicken, um zu vergrößern); der Schatten ist selbst ein Spiegel,  spiegelt auf der rechten Seite sehr klar ein Stück Garten ab.

Ich sah perplex auf dies komplexe Bild und dachte: Und wenn ich nun eine weiße Fläche hinter die Fenstertür stelle und die Schatten damit „abfange“? Vielleicht klärt sich das Bild, so dass ich es besser verstehe. Gesagt, getan:

Dies ist nun das „bereinigte“ Bild: die Verstrebungen, die Glasscheibe und dahinter eine weißliche Spanholzplatte. Parbleu, das Bild ist immer noch ziemlich komplex, finde ich. Was spiegelt sich denn da wie? Der dicke Schatten spiegelt jetzt nicht mehr den Garten, immerhin. Nun aber kommen mir Skrupel: Spiegelt sich vielleicht das rechte Fenster ab, und nicht das linke, wie ich dachte? und ist also kein Durchblick auf „echten“ Garten zu sehen, sondern wieder nur eine Spiegelung? Ein είδωλο (Idol), wie die Griechen solche gespiegelten Scheinobjekte nennen? Hilfe, Joachim!

Damit du einen Anhaltspunkt hast, wie Türen und Fenster einander zugeordnet sind: So sieht die Fensterfront bei etwas geöffneter Tür aus. Rechts unten steht die Spanplatte, die ich als Isolierung verwendete. Auf dem obigen „Spiegelbild“ ist die Tür etwas weiter geöffnet.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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8 Antworten zu Vielschichtiges im Atelier: über Wirklichkeit und Idole (είωλο)

  1. kormoranflug schreibt:

    Ein technisch perfektes Wunderwerk mit Poesie.

    Gefällt 3 Personen

  2. wildgans schreibt:

    Eine Gärtnerin im Bleistiftrock mit pinkfarbener Bluse habt Ihr beschäftigt? Oder Köchin in Vorbereitung des Abendmahls?

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Du sprichst in Rätseln, Sonia.

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      • www.wortbehagen.de schreibt:

        Sie spricht von einem knieenden weiblichen Menschen draußen im Garten, liebe Gerda.
        Ich sehe sie auch und viel klarer als viele der vielschichtigen Dinge, aber nur im bereinigten Bild, nicht im ersten mit den vielen Spiegelungen.

        Verwirrend ist diese Vielfalt, die ich da sehe und ich suche vergeblich das Blaue vom Campinggas.
        Den Gartenteil rechts, den sehe ich gut und u. a. ein künsterlisches Sammelsurium, das dringend auf sie Meisterin wartet, die sich im Moment aber mit den Spiegelungen vergnügt *g*

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    • gkazakou schreibt:

      danke, ich hab sie gefunden, sie ist auf beiden Bildern, einmal in der Hocke, einmal aufrecht. Es ist Magda, und ich wusste gar nicht, dass sie drauf war.
      das Campinggas findest du im zweiten eisernen Auge (von links), darüber gibt es einen ausgeblichenen Schatten, der, wenn man ihn vergrößert, auf der helleren Seitenbahn auch das Idolo des Gartens zeigt.
      Deinen Wink mit dem Zaunpfahl habe ich nicht übersehen liebe Bruni. Aber bedenke, bitte, dass es auch hier sehr heiß ist, und jeder Mensch Anspruch auf etwas Faulheit hat. 🙂

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      • www.wortbehagen.de schreibt:

        *lach*, faul sein ist gut, liebe Gerda! Das Campinggas habe ich jetzt endlich entdeckt, aber meine Augen sind jetzt müde vom Tag und ich sehe mehr Schatten um mich herum als Licht. Also werde ich in mein Bettchen eilen.
        Liebe Gutenachtgrüße von Bruni

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  3. Ulli schreibt:

    Ziemlich komplex und nicht wirklich durchschaubar, wenigstens nicht für mich, aber ich lese ja, dass selbst du rätselst, was sich wo und wie spiegelt.
    Ein wunderbares Synonym auch für das eigene Sein im Spiegel des Gegenübers oder das Gegenüber im eigenem Spiegel, oder dem Ich im Spiegel der Welt … da wird es manchmal auch rätselhaft!

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