das Meer – il mare – η θάλασσα

der, die oder das Meer? Die Völker haben unterschiedliche Ansichten darüber, welches Geschlecht dem Meer zukommt. Die Griechen – klar – halten es für eine Frau, Thalassa, tief und unergründlich, grollend und glatt und glänzend. Für die Italiener und Spanier ist das Meer herausfordernd, kämpferisch, wild, eine männliche Mutter : il mare, el mar. Den Franzosen wurde es weiblich: la mer. Für die Deutschen? Wir sagen die See – da schwingt viel Seele mit, Sehnsucht und weite Sicht. Das Meer – auch hier das Doppel-ee, Dehnung und Dünung, das mütterliche M und rollendes R, eine MutteR ohne Geschlecht.

Ich brauche das Meer, die Thalassa, il Mare, täglich, immer. Ich bin süchtig nach ihr (ja, für mich ist sie weiblich), nach ihrer Lebendigkeit, ihrem Atem, ihrem Farbenwechsel, ihrem Duft, ihrem Rollen und Rauschen, ihrem lieblichen Plätschern, ihrer Stille. Aufgewachsen bin ich an der Ostsee, die für mich Heimat bedeutet. Nun lebe ich schon lange im Einzugsbereich des Mittelmeers, des Meeres inmitten der blühenden Küsten und Kulturen des Altertums. Auch sie nun Heimat.

Marie fragte mich gestern besorgt, ob das Meer noch da sei. Und so zeige ich heute ein paar Fotos der letzten Tage, von meiner kleinen Ecke des großen Meeres. Und was drumrum wächst.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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24 Antworten zu das Meer – il mare – η θάλασσα

  1. Sylvia Kling - Autorin schreibt:

    Das sind sehr ergreifende Gedanken, Gerda. Darüber kann ich jetzt nachdenken, zumal ich mir schon oft Gedanken über die Artikel in der deutschen Sprache machte.
    Mein erster Mann – ein Pole – studierte in Dresden und als ich ihn mit jungen Jahren kennenlernte, verwechselte er sämtliche Artikel. Z.B. sagte er: „Die Balkon“. Er schimpfte stets über die ihm unverständlichen Artikel im Deutschen. Ich musste ihn natürlich korrigieren, schließlich wollte er unsere Sprache lernen und Dolmetscher werden. 😉

    Wunderschöne Fotos hast Du mit uns geteilt – da komme ich glatt ins Träumen.

    Sei lieb gegrüßt
    Sylvia

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    • gkazakou schreibt:

      herzlichen Dank, Sylvia! Was mir immer die meisten Schwierigkeiten macht, ist das Geschlecht von Sonne und Mond im Deutschen.— Im Griechischen gibt es ebenfalls drei Artikel, aber sie stimmen eher selten mit dem im Deutschen zugeordneten Geschlecht überein. ZB ist der Fuchs weiblich (i alepou), auch der Bär (i arkouda) ist eine Bärin. Bei Hund und Katze stimmt es überein. Städte sind weiblich, Länder auch (vielleicht gibt es Ausnahmen, die mir grad nicht einfallen), Der Tag ist weiblich, die Nacht auch, Zeit ist männlich. … Heimat heißt i Patrida, also Vater mit weiblicher Endung. … Es ist ein interessantes Kapitel der Sprachen, welchem Geschlecht Dinge, Erscheinungen und Lebewesen zugeordnet werden. Liebe Grüße dir!

      Gefällt 4 Personen

  2. Maren Wulf schreibt:

    Schön hast du’s da. 🙂

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  3. Random Randomsen schreibt:

    In der Sprache des Meeres gibt es wahrscheinlich keine Substantive (und also auch keinen Artikelbedarf) und auch keine Verben und keine garnichts. Nur Seins-Ausdrücke. Auch eine schöne Sprache. 🙂
    Aber wir Menschen haben unsere Sprachen, die (für) uns wichtig sind. Und die Unterschiede bei den Artikeln sind schon ein spannendes Thema. Beim Meer schenke ich meine Sympathien der französischen Sprache. „La mer“ mit seiner Ähnlichkeit zu „la mère“ – das ist schon sehr vielsagend. 🙂
    Im Deutschen ist man vielseitig. Das Meer. Die See. Der Atlantik wiederum ist männlich (wahrscheinlich mit dem Ozean als Paten).
    Im Norwegischen zeigt sich ein gewisser Sprachhumor. „Havet“ (das Meer) ist ein Neutrum (ausgerechnet!). Im Gegensatz zum Deutschen gibt es „See“ (sjø) allerdings nur mit männlichem Artikel. Egal, ob es um einen kleinen Binnensee oder beispielsweise die Ostsee (Østersjøen) geht.

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    • gkazakou schreibt:

      so so , wundert mich eigentlich nicht, dass ihr Norweger die See männlich seht. Sehmänner fahren zum See. Huch! Tja. danke sehr für den sprachhumorigen Unterricht. Die sprachliche Nähe von mere und mer kommt wohl nicht von ungefer. Aus la mer ist alles geboren. Das Meer als Neutrum – Havet – auch die Römer (mare) konnten sich nicht bequemen, ihre Weiblichkeit anzuerkennen und machten sie daher neutral wie auch die Deutschen (das Weib, das Mädchen, Mädel, Fräulein – hingegen der Bub, Junge, Knabe, Jüngling, Mann). Daher wohl die Auseinanderentwicklung ins Italienisch-Spanische Macho-mäßige el mar, il mare und in die französische Verneigung vor der Weiblichkeit la mer, während sich die deutsche Seele spaltete in Meer und See, welch letztere dann noch mal aufgespalten wurde in maskulin und feminin (der, die See). Und ist doch eigentlich nur ein einziges gewaltiges Element, das, ließe man es nur, ineinanderfließen würde, grenzenlos.

      Gefällt 3 Personen

      • Random Randomsen schreibt:

        Eigentlich ist es ja auch schön, dass die unterschiedlichen Artikel ein gutes Stück weit ein Geheimnis bleiben. So bietet sich uns die Möglichkeit, uns suchend und fragend heranzutasten. Und unsere Gedanken und Empfindungen (und vielleicht gar hin und wieder das eine oder andere Erkenntnisfünkchen?) sind mehr wert als ein sicheres Wissen um die tatsächliche Geschichte hinter den Artikeln.
        Was wir aber sicher wissen können, ist, dass eine einzige Sprache nie genug ist. Durch diese Verschiedenheit kommt genau dies zum Ausdruck, dass wir hier ein einziges gewaltiges Element haben (ein mächtiges ES, das jede Geschlechtlichkeit transzendiert), aber auch die verschiedenen Facetten des Grenzenlosen, auf die das menschliche Erleben jeweils begrenzt ist.

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  4. kunstschaffende schreibt:

    Das ist sehr interessant liebe Gerda, kann es sein, dass im griechischen sehr viel dem weiblichen zugeordnet wird?

    ❤liche Grüße Babsi

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    • gkazakou schreibt:

      kann sein. Ich weiß es aber nicht sicher, denn einiges, was im Deutschen weiblich ist, ist es im griechischen wiederum nicht. Die meisten abstrakten Begriffe sind wohl weiblich, zB der Gedanke – i idea oder i skepsis, oder der Hochmut – i ivris usw. Umgekehrt geht es auch:Wut und Angst sind im Griechischen männlich (o thymos, anchos) – na ja, im Deutschen gibt es auch den Zorn (m). Dann gibt es aber auch Übereinstimmungen, zB ist in beiden Sprachen Mut männlich und Feigheit weiblich. …. .

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  5. mmandarin schreibt:

    Das freut mich aber, dass du meine Sorge, dass Meer sei möglicherweise abhanden gekommen so wunderbar entkräftet hast. So schöne Bilder. In dieser verrückten Welt gibt es eben doch etwas, auf dass man sich verlassen kann. 😜 Danke dafür, Marie

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  6. Ulli schreibt:

    Liebe Gerda,

    „La mer“ ist mir sehr ans Herz gewachsen, obwohl ich ja nicht wirklich französisch kann…

    Spannend daran finde ich wieder einmal, wie so manches zwischen uns schwingt, wir hatten letztens selbiges Thema am Feuer, ich halte ja vieles für eine Art Willkür, besonders im Deutschen, da gibt es weibliche und männliche Flüsse, das Meer, die See, neutrum und weiblich – aber es gibt auch so etwas, so wurde ich „belehrt“ wie eine stille Übereinkunft, einen Sprachkodex, ja, ist schon klar, aber bitte: woraus speist er sich? Wie kann es sein, dass es bei uns „der“ Mond und „die“ Sonne heisst? Ich umschiffe das immer noch, indem ich von Frau Luna spreche oder Herrn Soleil, wie in „meinem“ Gamuppelbuch…
    Was ist Klang, was Empfindung, was Logik, was Mythologie? Das konnte mir die Dame dann auch nicht beantworten … so bleibt es spannend.
    Deine Bilder sind die reinste Wohltat!!! Heute sass ich mit des Vermieters Frau auf der Bank vor dem Haus in der Sonne, wir tranken Kaffee und plauderten und alles war nur gut und dann plötzlich sprachen wir vom Meer, von seinem Klang, seinem Geruch, seinem Sein und dass es dann eben doch manchmal fehlt …
    Herzensgrüsse an dich
    Ulli

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  7. finbarsgift schreibt:

    Wundervoll, liebe Gerda, Text wie Fotos…

    Ostsee und Mittelmeer sind schön, aber das wirkliche Meer ist für mich der freie, offene Ozean, die ganz wilde See mit Wellen wie sie nur der Atlantik und der Pazifik bieten…

    Liebe Frühlingsgrüße vom Lu

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  8. alltagschrott.ch schreibt:

    Ich liebe solche Überlegungen und ebenso die Etymologie eines Wortes. Für mich sehr interessant. Danke für Deine Gedanken darüber. Und ja, das Meer mit seinen Farben, Gemüt und Geräusche lässt einem nicht mehr los…
    Herzlich. Priska

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  9. wildgans schreibt:

    Leider mein alten Latein-Wörterbuch nicht gefunden. Wahrscheinlich aber steht drin „mare“ und neutrum. Manche sagen „die See“, wenn sie das Meer meinen. Einer oder eine fährt zur See.
    Die Meere, die ich sah, waren alle wunderbar, am schönsten fand ich den Pazifik in Oregon und Kalifornien. Spezialfrage an dich: Hast du an der Ostsee jemals Bernstein gefunden?
    Gruß von einer Bernsteinlosen mit Treibholzsehnsüchten

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    • gkazakou schreibt:

      Ja, mare war den Römern Neutrum. Den Pazifik – möge er Frieden bedeuten! – habe ich leider nie gesehen. Bernstein fand ich nicht, wohl aber allerlei Versteinertes, Muscheln, auch steinzeitliche Faustkeile und geliebtes kostbares Schwemmholz. Ich bin an der westlichen Ostsee aufgewachsen. LG

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  10. hausauspapier schreibt:

    Dann liebe Grüße von der See deiner Kindheit- der Ostsee!

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  11. ann christina schreibt:

    Was für schöne Bilder! Ich habe eine Zeit lang in Spanien am Mittelmeer gewohnt und es fehlt mir sehr! Im Spanischen gibt es übrigens beides, el mar und la mar – das finde ich auch sehr schön. 😊

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    • gkazakou schreibt:

      o, beide Artikel, interessant! Wann benutzt man das eine, wann das andere? Hat das Wort dann dieselben Bedeutung?

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      • ann christina schreibt:

        Soweit ich weiss, die gleiche Bedeutung. Vielleicht variiert das auch von Region zu Region, Spanien ist ja eigentlich ein Zusammenschluss lauter kleiner Staaten mit relativ unterschiedlichen Sprachen (oder sehr starke Dialekte, wie man es sehen mag). Wer als Nicht-Spanier „hochspanisch“ gelernt hat (kastilianisch, was man in Madrid spricht), der versteht die anderen Sprachen mehr oder weniger nicht. Ich habe in der Region Valencia gelebt, und valenciano habe ich nicht verstanden. Auch katalanisch kaum. Wäre interessant zu schauen, ob die Regionen am Meer einen anderen Artikel bevorzugen als die im Landesinneren…

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