Griechisches Alphabet des freien Denkens: Χ wie Χάος

150px-greek_letter_chi_serifsans-svg Der 23. Buchstabe im griechischen Alphabet heißt Chi. Vor den Vokalen a, o, ou und vor Konsonanten wird er rau hinten im Hals gesprochen wie im Deutschen auch, noch, Rauch, Nacht, vor e, ä und i aber wie im deutschen weich, ich, nicht, Recht.  Es ist also ein Doppellaut wie im Deutschen, nur dass die Aussprache im Griechischen vom nachfolgenden, im Deutschen vom vorangehenden Vokal bestimmt wird.

Schöne Wörter gibt’s, die mit Ch beginnen, Charisma, Charakter, Chor, Christos – der Gesalbte -, auch die griechischen Wörter für Tanz und Freude und viele andere, schönere als Chaos, das ich zum Vertreter des Chi  erwählt habe.

Chaos – das Chi rau hinten im Hals zu sprechen – ist ein Wort, das mich schon lange begleitet. Schau mal hier: https://gerdakazakou.com/2015/05/25/nyx-tochter-des-chaos/. Nyx, die Nacht, schreibe ich dort, sei die erste Tochter des Chaos. Die Nacht gebar dann den Tag und alles weitere. Fällt dir auch auf, dass Nyx wie nix und Nacht fast wie Nicht klingt? Auf Neugriechisch heißt die Nacht tatsächlich Nichta.

X sieht aus, als wolle es etwas aus- und durchstreichen.

der dunkle Engel

Nyx, die Nacht / der dunkle Engel. copyright Gerda Kazakou.

Alles Entstandene wird aus dem Chaos geboren und sinkt ins Chaos zurücksinkt, sagt der Mythos. Ich weiß durchaus nicht, ob es so ist. Aber meiner künstlerischen Methode liegt gerade diese Vorstellung zugrunde.

Das Gegenteil von Ordnung sei Chaos – so sagte ich unter dem Stichwort Ordnung. „Die Freiheit meines Denkens besteht darin, welche Ordnungen ich bilde – und nicht darin, ob ich überhaupt welche bilde. Meine Legekunst ist eigentlich eine ständige Demonstration dieses Gedankens.“ schreibe ich dort.

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Μηχαήλ Drachentöter / der helle Engel, copyright Gerda Kazakou

Und jetzt kommt der schwierigere Teil. Bevor ich eine neue Ordnung schaffen kann, muss ich durch die Zerstörung der bestehenden hindurch. Ich muss den Drachen der überlieferten Ordnung töten.

Wir leben in Ordnungen, in Beziehungen, in Selbstverständlichkeiten. Wir lernen, wenn wir heranwachsen, dass diese Ordnungen haltbar sind. Und froh sind wir, wenn wir uns darauf verlassen können, dass die Wohnung noch da ist, wenn wir heimkommen, dass der Partner, die Eltern, die Kinder, die lieben Freunde nicht über Nacht einfach verschwinden und dass die Erde uns hält.

Doch es kann passieren, dass es auf einmal nicht mehr so ist. Die Ordnung der mir bekannten Welt oder auch die in meinem Kopf zerfällt. Das Haus ist zerbombt, der Strom abgestellt, die Rente bleibt aus, der Freund hat sich davongemacht, ich finde mich wieder in einem Land, dessen Regeln und Sprache ich nicht kenne …Oder es ist der Kopf, in dem sich die gewohnte Ordnung auflöst: Ich erinnere mich nicht mehr an meinen Namen, meine Herkunft, ich irre in einer mir unverständlichen Welt herum.

Um frei zu werden, muss ich mich aus den Selbstverständlichkeiten, den Verstrickungen, Verknüpfungen, Beziehungen, an die mich die Gewohnheit bindet, lösen. Es kann passieren, dass mir diese Freiheit brutal serviert wird, ohne dass ich sie suche. Alles fällt dann in den Zustand des Chaos zurück, aus dem ich erneut eine Welt bauen muss.

Ich tue dasselbe kontrolliert in meinen Legebildern, vielleicht um mich an das Unausweichliche schon mal zu gewöhnen. Im Spiel kann ich vorwegnehmen, was mir das Leben und Sterben zumutet, und meine Kräfte schulen. Ich nenne die Zerstörung Transformation.

Hier siehst du vier Bilder des chaotischen Zerfalls. Es handelt sich um zufällige Anordnungen meines gerade aktuellen Satzes an Schnipseln. Ich habe das Quadrat als Format gewählt, denn diese Bilder lassen sich in jede Richtung drehen. Jedesmal entwickeln sie eine andere Dynamik. Ich gebe zu, dass sie mich faszinieren. Denn sie haben ihr gesamtes schöpferisches Potential noch in sich. Vieles scheint möglich.

Aus diesen Schnipseln habe ich heute ein fünftes Bild gelegt. Die anderen vier waren:

Ich nenne das heutige Bild, in Anlehnung an das neue Wochenthema des Mitmachblogs: Was sind für uns Behinderungen. Zu sehen ist ein Mensch, der in einem Boot sitzt und in die Freiheit rudern will. Aber sein Boot sitzt fest, da kann er noch so viel rudern. Das Grabmal seiner Ahnen, das geliebte Zuhause mit dem rauchenden Kamin, seine Blickrichtung und was noch alles hindern ihn an der Ausfahrt. Er lebt in einer bindenden Ordnung und er fürchtet den Zustand des Chaos, als das ihm die Aufgabe liebgewordener Vorstellungen erscheinen würde. Da lässt er doch lieber alles beim Alten und rudert auf festem bewährtem trockenem Grund.

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Was sind für uns Behinderungen, copyright Gerda Kazakou

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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8 Antworten zu Griechisches Alphabet des freien Denkens: Χ wie Χάος

  1. Ulli schreibt:

    Liebe Gerda, ich erinnere mich an den hellen Engel von dir, aber den dunklen sehe ich heute das erste Mal, beide finde ich wunderbar in ihrer Dynamik. Beide sind in Bewegung, zeigen sich nur kurz uns Erdlingen und Betrachterinnen, flüchtig ist ihr Sein. Schade ist nur wieder, dass ich sie nicht gross betrachten kann, gerade in der Mimik des dunklen Engels hätte ich gerne noch eine Weile gelesen-
    Was du nun zu Ordnung und Chaos schreibst, da ist mir, als stündest du gerade auf meinen Füssen, damit meine ich, dass du mich erwischt hast- das ist der Zustand in dem ich mich gerade befinde- alles alt Gewohnte und alle Geplante löst sich auf, nun werden die Lebensschnipsel wieder neu gemischt, aber ich werde nicht auf dem Trockenem weiterrudern, mich zieht es in den Osten!
    Herzliche Abendgrüsse an dich
    Ulli

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  2. Maren Wulf schreibt:

    Hui, deine heutigen Wort- und Bildschnipsel erreichen mich sehr, Gerda. Der dunkle Engel, der weit die Flügel ausbreitet. Der Drachentöter, in dem eine rassige Flamencotänzerin wirbelt. Der Ruderer, der sich nicht trennen kann. Ganz toll! Danke und herzliche Grüße!

    Gefällt 2 Personen

  3. Madame Filigran schreibt:

    Änderung anstreben aber innere Verbindungen halten fest, ja, liebe Gerda, auch mich spricht dieser Beitrag sehr an. Ich grüße dich herzlich.

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  5. Pingback: Archaisches | GERDA KAZAKOU

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