Griechisches Alphabet des freien Denkens: Φ wie Φαντασία

phi_uc_lc-svg Das Phi ist der 21. Buchstabe des griechischen Alphabets. Früher als angehauchtes P gesprochen, ist er schon lange zum F-Laut geworden. Fantasie – von griechisch Φαντασία soll mein Stellvertreterwort sein. Es gehört zu einer illustren Familie:

    • φαντός  sichtbar
      • φαντάζειν sichtbar machen, sichtbar werden, erscheinen, sich dem Geist darstellen, sich etwas einbilden
        • φαντασία das Sichtbarwerden, Erscheinen; Anblick, Aussehen; Halluzination, Gespenst; Imagination, Vorstellungsgabe; Anschein; Illusion, Dünkel
          • >> neuhochdeutsch. Phantasie. Imagination, Einfallsreichtum
        • φάντασμα Erscheinung, Hirngespinst, Gespenst; Imagination
          • > frz. fantôme Gespenst
              • >> nhd. Phantom ‚virtuelle Gestalt‘
        • φανταστικός  imaginär, virtuell
          • >> nhd. phantastisch.imaginär, virtuell, märchenhaft, wunderbar

Natürlich weiß ich, was Phantasie ist, aber vorsichtshalber googlete ich ein bisschen. Und siehe da! Was fischte ich aus dem Netz? „Die pinke Gerda“

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„Wir suchen für unsere Abendveranstaltungen „Die pinke Gerda“: Firmen oder Privatpersonen, die Gelder für die Förderpreise spenden und dafür vom Verein Ikarus e. V. eine Spendenquittung erhalten….“ wirbt eine Schule der Fantasie. image003

Ich lachte und freute mich. Die meisten meinen wohl, man hat Fantasie, oder man hat sie nicht so. So mancher sei damit geschlagen, andere hingegen gesegnet. Aber wer kommt schon darauf, eine Schule der Fantasie für nötig zu halten?

Die Meinungen, was das denn sei, die Fantasie, gehen ziemlich auseinander. Bei Aristoteles ist die Sache noch ziemlich klar: „Die Phantasie ist die Kraft, vermöge deren das Bild eines Dinges in uns entsteht“. Danach aber geht die Fantasie ziemlich mit den Definierern durch. Hier eine kleine Auswahl von quotes:

Hübsch, zugegeben. Ich aber bleibe lieber bei Aristoteles. „Die Phantasie ist die Kraft, vermöge deren das Bild eines Dinges in uns entsteht“ Das ist zwar knochentrocken, aber es sagt Entscheidendes: Es gibt da eine Kraft. Und die macht, dass ein Bild der Außenwelt in meinem Inneren entsteht. Ob ich das Bild empfange oder entwerfe, und in welchem Verhältnis es zur Außenwelt steht, die ich durch meine Sinne wahrnehme – das sagt er nicht.

Fantasie ist „Einbildung“, ist Imagination.

„Es gibt indes wenige Menschen, die eine Phantasie für die Wahrheit des Realen besitzen …“ , so Goethe. Und da sind wir bereits an dem Scheidepunkt zwischen Fantasterei und Hirngespinsten einerseits – und der schöpferischen Kraft Phantasie, die uns Menschen gegeben ist, um in das noch nicht Verwirktlichte, aber durchaus Mögliche zu schauen. Einstein sagt das so: Ich bin Künstler genug, um mich auf meine Imagination zu stützen. Imagination ist wichtiger als Wissen. Wissen ist begrenzt. Imagination umfasst die ganze Welt.“

Ich „bilde“ mir die ganze Welt „ein“. Und von dort, aus meinem Inneren, hole ich sie wiederum herauf und gestalte sie frei um. Das Bild, das ich gestalte, ist anders als die Welt, die ich zuvor wahrnahm, aber es ist ihr nicht fremd. Es kann daher in diese Welt verändernd eingreifen.

In der „Welthaltigkeit“ meines Bildes besteht der Unterschied zwischen Spinnerei und Imagination. Fantasie in diesem Sinne ist fast dasselbe wie Ullis mutiges Träumen, da sie ja ebenfalls nicht von der Wirklichkeit absieht, sondern diese verändern will, indem sie ein erweitertes, verbessertes Bild des Vorhandenen entwirft.

Also bedarf es tatsächlich einer Schulung, damit die Phantasie nicht Purzelbäume schlägt, sondern sich „für die Wahrheit des Realen“ interessiert?

Ich denke, ja.

Denn die „seltsame Tochter Jovis“ (Goethe) kann einen, wenn sie verwildert, ganz schön in die Irre führen, in finsterste Abgründe der Triebe ebenso wie in die neblichten Höhen der Illusion und der Hirngespinste.

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Goya, Capriccio: Wenn die Vernunft schläft, gebiert sie Monster

Macht nichts, sagst du? Lass sie doch, wenn es Spaß macht? Ich weiß nicht. Wenn ich einen Blick in die Spukwelt von Fantasy und Teufelskult werfe, wenn ich mir die Ausgeburten seliger Himmelshoffnungen und Liebesglitzerwelten vergegenwärtige, dann vergeht mir die Lust auf Fantasie. Dann sage ich mir: Bleib lieber in dem einigermaßen überschaubaren Bereich, den wir Wirklichkeit nennen, und schlage dich irdisch-ehrlich durch.

Ohne Fantasie gibt es freilich überhaupt kein freies Denken, keine Entwicklung, keinen Fortschritt. Tagtäglich bemühst du sie, um aus den disparaten Eindrücken der Welt dein Weltbild, deine Wirklichkeit zusammenzuspinnen. Meistens tust du das, wenn du erwachsen bist, ganz ernsthaft und nach den Regeln, die man dir inzwischen beigebracht hat. Du siehst einen Vierbeiner und sagst: ein Hund. Das ist deine ganze Fantasietätigkeit. Selten  lässt du die Fantasie spielen, als seist du ein Kind, dem ein Stück Holz alles sein kann: ein Pferd und ein Schwert,  das es schnitzend verändert oder einfach nur vor sich hertreibt mit hü und mit hott.

Die Fantasie-Kraft anzuregen, zu stärken, zu gestalten, und immer wieder zu beleben ist eine Hauptaufgabe der Erziehung. Denn sie ist es, die das Innenleben des Menschen „bildet“ und „bebildert“. Ohne Fantasie gibt es kein Innenleben. Und ohne Pflege  verwildert und verroht die Fantasie und nimmt groteske Formen an. Die Himmelskraft Phantasie wird, wenn sie ungestaltet bleibt, leicht zur Höllenmacht.

nachtgelichter

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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18 Antworten zu Griechisches Alphabet des freien Denkens: Φ wie Φαντασία

  1. lieberlebenblog schreibt:

    Phantasie als mutig geträumte, gestaltende Kraft der Imagination – da kommt dein Alphabet in der Tat wunderbar mit Ullis zusammen.
    Es ist so toll, euch zu lesen, Ich freue mich auf weitere fantasievolle, mutig geträumte Projekte!
    Liebe Grüße gen Süden,
    Silke

    Gefällt mir

  2. mmandarin schreibt:

    Schön die Pinke Gerda…so sehe ich dich jetzt immer vor mir….dazu reicht meine Phantasie 😊

    Gefällt 1 Person

  3. Susanne Haun schreibt:

    Guten Morgen, Gerda, wieder ein Beitrag, den ich mit Freuden gelesen habe. Ich werde gleich zeichnen, vielleicht ein Hund mit Flügeln?
    Liebe Grüße von Susanne

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  4. Meermond schreibt:

    Guten Morgen.
    Ich bin mir nicht sicher, ob mein Grippekopf deine Worte heute richtig verstanden hat, darum frage ich besser nach.
    Ist also so, dass Vernunft und Phantasie eher einander ausschließen?
    Liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

  5. teggytiggs schreibt:

    …nach einem ersten Zögern sehe auch ich die Vorteile einer Schule der Phantasie…wie alles Edle einer Zügelung bedarf, einer gewissen Disziplin…und so scheinen mir Phantasie und Vernunft gut zusammen zu gehen…

    …wieder ein sehr anregender Beitrag, Danke dafür!

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Wie ich schon oben bei Meermond schrieb, steigern sich meines Erachtens Fantasie und Verstand gegenseitig, Einstein zB ist ein großer Verfechter der Fantasie, weil sie zusätzliche Türen öffnet, nicht, weil er den Verstand gering achtete. Die Fantasie muss gezügelt werden wie ein gutes Pferd, damit sie nicht mit einem durchgeht.
      Ich unterscheide sowohl in der Malerei als auch in der Dichtkunst sehr zwischen fantastischen Werken und Werken, die mit Fantasie, Verstand und Wissen Weltzustände interpretieren. Nur letztere gefallen mir wirklich. LG

      Gefällt 3 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Danke für diese Ergänzung, teggytiggs. So sehe ich es auch. Ungezügelte Fantastik ist eine ebenso große Gefahr wie Fantasielosigkeit. In meinem Beitrag zu Pegasus bringe ich das zum Ausdruck. https://gerdakazakou.com/2015/05/25/aus-dem-chaos-geboren/. Ich komme darauf beim nächsten Buchstaben – Chaos – zurück.

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  6. kunstschaffende schreibt:

    Ich glaube auch, dass Fantasie und Verstand eine Symbiose eingehen sollten, denn daraus entstehen ja erst Realitäten! Oder irgendwie so!😏😊😂😉

    LG Babsi

    Gefällt 2 Personen

  7. bruni8wortbehagen schreibt:

    Fantasie, was täte ich ohne sie? *lächel*, wie sehr würde sie mir doch fehlen
    Verstand ist vonnöten und doch ohne Fantasie und Neugierde ärmer, als er es mit Fantasie ist.
    Wenn sich beide ergänzen, wird ein kraftvolles Ganzes daraus.
    Purzelbäume darf sie gerne schlagen, meine Fantasie, denn sie hat die Tendenz, sich dabei nicht allzusehr zu verbiegen *g*. Sie kommt schnell und malt Bilder und Geschichten in meinem Inneren, aber die Realtiät ist ihr dabei immer bewußt.
    http://wortbehagen.de/index.php/gedichte/2016/august/halbmondnacht1

    Keines Deiner Legebilder wäre ohne Deine wundervolle Fantasie entstanden, liebe Gerda, und für alle Deine gut fundierten Texte brauchtest Du Deinen Verstand.
    Beide ergänzen sich in großer Harmonie.

    Liebe Gutenachtgrüße von mir

    Gefällt 2 Personen

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