Griechisches Alphabet des freien Denkens: T wie ΤΑΞΗ/Ordnung, Klasse

tau_uc_lc-svg Tau,  auszusprechen als tav, ist der 19. Buchstabe des griechischen Alphabets und der letzte des semitischen, weshalb ihm in der jüdischen und christlichen Tradition eine große Rolle zukommt. Aber nicht darüber möchte ich heute sprechen, sondern über das Wort τάξη / Ordnung, Klasse. Du kennst es von Taxonomie – Ordnungsschema,  von englisch taxes – Steuern, und von taxieren – einschätzen, aber auch vom Taxi, was eine Abkürzung von Taxometer ist, mit dem die Gebühren der „Mietdroschke“ berechnet werden. Im Griechischen bezeichnet es all dies und noch viel mehr. Schulklasse und gesellschaftliche Klasse, sowie jede Art von Klassifizierung, Anordnung und Regelwerk ist mit dem Begriff τάξη gemeint.

Ursprünglich leitet sich τάξη/Klasse vom Militärdienst im Athen der klassischen Zeit ab: Athen hatte ein reines Bürgerheer. Für die Ausrüstung sorgte jeder Bürger selbst. Daher dienten die Wohlhabenden, die sich ein Pferd leisten konnten, als Reiter, die Bürger mit kleinem Vermögen als vollbewaffnete Fußsoldaten – Hopliten –  und die Armen taten im Hilfstrupp bzw als Ruderer Dienst. Sokrates diente bekanntlich als Hoplit , war also nicht ganz arm.

Das also war der ursprüngliche Sinn des Wortes Klasse: Jeder verteidigt entsprechend seinem Vermögen die Stadt, wenn sie von Feinden bedroht wird. Je nach Bedarf wurden dann auch die Befehlshaber vom Volk gewählt.

Welcher Klasse im Sinne einer gesellschaftlichen Schicht jemand angehört, beginnt und endet heutzutage im Klassenzimmer. Ein Haufen kleiner Individuen verschiedenster Herkunft strömt hinein ….78d449e59783bf5cc2aa579c46e0d0b1

Eine Weile geht es noch darum, dass jede und jeder seinen Platz im Klassenzimmer findet und sich an eine allgemeine Ordnung gewöhnt, die je nach Schulsystem variieren kann.

Doch bald schon fängt das große Rüttelsieb an zu arbeiten …

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Klassenzimmer mit Erstklässlern

Der eine fällt gleich durch, der andere kommt weiter, bis er nicht mehr weiterkommt, sondern durch ein feineres Sieb fällt. Ein paar fallen gar nicht durch. Nach wenigen Jahren haben wir schön geordnete Verhältnisse: Sonderschule – Hauptschule – Realschule – Gymnasium -Abschlusszeugnisse, meinetwegen auch Förderstufen, Leistungskurse etc pp. So vorsortiert kommen die jungen Leute dann aufs berufliche Rüttelsieb, so dass sie sich irgendwann als ungelernte, gelernte und Facharbeiter, kleine, mittlere und höhere Angestellte, Selbständige, Akademiker, Manager wiederfinden. Das bildet sich dann wieder ab in Einkommensunterschieden, der Art zu wohnen, zu denken, seine Kinder zu erziehen. Diese Kinder werden dann, wie oben, als ein Haufen sehr unterschiedlicher kleiner Individuen, in die Rüttelsiebe gegeben…. Der Kreis schließt sich. Das Ganze nennt man Reproduktion der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Ist Ordnung also ein Gegenbegriff zu Freiheit? Nein. Der Gegenbegriff ist Chaos.

Kann Denken ohne Ordnung auskommen? Natürlich nicht! Denken bedeutet ja Ordnung schaffen in einem Haufen ungeordneter Daten, die durch unsere Sinne auf uns eindringen. Denken ist ein ständiges Auswählen, Definieren, Kategorisieren, Zuordnen, Verbinden, Hierarchisieren, Auflösen … Wir bilden Begriffe, die wie Raster wirken, durch die die Dinge durchfallen oder in denen sie hängen bleiben. Wenn ich alles, was auf vier Beinen herumläuft, auf das Raster „Hund“ werfe, dann fällt das meiste durch; nur die Hunde bleiben drin hängen. Die Hunde selbst haben auch solche Raster, ich beobachte es an meinem: egal wie riesig oder winzig ein Artgenosse ist – unweigerlich begrüßt er ihn als Hund. Was ich durch Denken zustande bringe, schafft er durch die Nase.

Denken heißt also: Ordnungen herstellen. Die Frage ist: Welche? Liegen sie in den Dingen selbst – wie im Beispiel Hund – oder werfe ich meine willkürlichen Begriffsnetze über die Dinge? Auf welche Eigenschaften der Dinge gründe ich mein Auswahlsystem? Sortiere ich nach Größe oder nach Farbe, nach Leistung oder nach Herkunft, nach Intelligenz oder nach Schönheit, nach Qualität oder nach Preis? Unendlich viele solcher Kriterien gibt es, durch jedes kann ich Klassen schaffen, reine oder Mischformen, dem Kombinieren sind keine Grenzen gesetzt.

Die Freiheit meines Denkens besteht darin, welche Ordnungen ich bilde – und nicht darin, ob ich überhaupt welche bilde. Meine Legekunst ist eigentlich eine ständige Demonstration dieses Gedankens. Schau her: Hier habe ich ein paar Elemente in Reihen geordnet, um zu sehen, was ich habe.

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Wie kann ich eine neue Ordnung schaffen? Indem ich die Teile anders anordne, zB so:

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Hübsch, doch was ist gewonnen? Nun, die Wissenschaftler und Politiker streiten sich oft über solche Fragen. Als Künstlerin strebe ich nach anderen Lösungen. Wie wäre es mit diesen?

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Oder nehmen wir einen anderen Haufen, etwa diesen hier:

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Auch dieser Haufen ist vorgeordnet, nach Farbe und Helligkeitswert. Daraus entstanden sind eine Feuervogel-Familie und ein Bild, das ich „Nachtgelichter“ nenne.

img_3393    nachtgelichter

Ich denke, du hast das Ordnungs-Prinzip verstanden, dem ich huldige. Aber da aller guten Dinge DREI sind, zeige ich noch ein Beispiel: das vorgeordnete Material und zwei Varianten, was man draus machen kann: „Hades raubt Persephone“ und „Ithaka“:

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Wenn es möglich ist, aus ein paar bemalten Stücken Papier ständig neue Welten zu schaffen, indem man sie anders arrangiert – warum sollte das nicht auch in der Menschenwelt möglich sein? Dafür wäre es allerdings nötig, den Wert jedes Individuums unabhängig von dem Platz, an dem es sich gerade befindet, wahrzunehmen, und ihm die Freiheit zu geben, seine unbeachteten Fähigkeiten an neuen Plätzen auszuprobieren.

Ich weiß, das ist utopisch. Aber derlei Utopien halten mein Denken lebendig.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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13 Antworten zu Griechisches Alphabet des freien Denkens: T wie ΤΑΞΗ/Ordnung, Klasse

  1. Ulli schreibt:

    Liebe Gerda, du schreibst:“Dafür wäre es allerdings nötig, den Wert jedes Individuums unabhängig von dem Platz, an dem es sich gerade befindet, wahrzunehmen, und ihm die Freiheit zu geben, seine unbeachteten Fähigkeiten an neuen Plätzen auszuprobieren.

    Ich weiß, das ist utopisch. Aber derlei Utopien halten mein Denken lebendig.“
    Ich antworte: JA
    schön, wie hier auch wieder die Pädagogik mit einfliesst, sowie die beiden Pole Ordnung und Chaos und die daraus Erschaffung unterschiedlichster Welten mit ein und dem selben- ja, mir ging gerade das erz auf, kam ich doch von meinem Fotobearbeitungsprogramm und habe weiter an den „Puppenspielen“ gearbeitet- so viele Möglichkeiten mit ein und dem Selben! ich liebe das.

    Herzlich grüsse ich dich
    Ulli

    Gefällt 1 Person

  2. kunstschaffende schreibt:

    Erst Mal möchte ich Dir sagen liebe Gerda, das ich es unglaublich faszinierend finde was Du aus Schnipsel zauberst! Deine philosophischen Assoziationen dazu geben dann ein Bild des Verstehens! Deine Kunstwelt beeindruckt mich immer wieder auf’s Neue! Wobei ich auch ein ganz großer Fan Deiner Mal- und Zeichenkunst bin! Deine Vielseitigkeit ist phänomenal!
    Ich musste jetzt mal meine Bewunderung für Deine Kunst, in aller Deutlichkeit zum Ausdruck bringen!
    Auch als Philosophin bist Du hier in Bloghausen unverzichtbar! Danke, dass Du uns an Deinem Wissen teilhaben lässt!

    ❤ Grüße Babsi

    Gefällt 1 Person

  3. juergenkuester schreibt:

    Liebe Gerda, gelungener Artikel, finde ich, danke! Wieder etwasvgelernt. Und ganz stark wiedergefunden habe ich mich selbst beim ordnen und sortieren, mache nämlich auch ständig- um irgendwie irgendwas zu klären, bis bald, Liebe Grüße Juergen

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  4. Susanne Haun schreibt:

    Liebe Gerda, besonders gefallen hat mir dein Hinweis, dass das Gegenteil von Ordnung Chaos ist und nicht Freiheit. Du sprichst mir aus dem Herzen.
    Mein Exschwager (Sportpsychologe) sagte einmal, der Mensch könne auch viel Gedankenmüll denken. Das hat mich sehr zum Nachdenken veranlasst – ein Stück meiner Strukturiertheit rührt auch davon. Jedoch brauche ich auch die Zeit, Gedanken gleiten zu lassen, um neue Ideen zu entwickeln.
    Einen schönen Freitag von Susanne

    Gefällt 2 Personen

    • gerda kazakou schreibt:

      Gedankenmüll – wahrhaftig, sehr viel Gedankenmüll produzieren wir täglich, das wirklich Gehaltvolle ist wenig. Deine Gedanken- und Lebensdisziplin ist vorbildlich, liebe Susanne, zumal dir Herzenswärme und manchmal auch beißender Humor nicht abgehen. Ich kämpfe leider oft recht vergeblich um mehr Struktur in meinem Leben.

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      • Susanne Haun schreibt:

        Liebe Gerda, ich glaube am wichtigsten ist es, sich selber zu nehmen wie man ist und sich auch genauso zu mögen. Macht also nicht, wenn du keine Struktur hast, du bist trotzdem ganz du selbst. Und eine Struktur hast du ja: du schreibst hier regelmäßig. 🙂

        Gefällt 1 Person

  5. Pingback: Griechisches Alphabet des freien Denkens: Χ wie Χάος | GERDA KAZAKOU

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