Griechisches Alphabet des freien Denkens: Z wie ζει (er lebt)

Der sechste Buchstabe des griechischen Alphabets ist Zήτα. Wir hatten ihn gestern schon. Die ursprüngliche phönizische Bedeutung sei Schwert gewesen, die Schreibweise I. Um es nicht mit dem Vokal I zu verwechseln, sei dann die Senkrechte zur Diagonale geworden:  1024px-zeta_uc_lc-svg

Z ist also … ein zweischneidiges Schwert? Ja, vielleicht.

Denn wer lebt, stirbt. Und wer getötet wurde – lebt er?

Ja. Das genau ist es, was der Buchstabe Z im griechischen politischen Leben bedeutet: er, sie, es lebt  – auch wenn es den Mördern nicht passt.

grigoris_lamprakis-arzt

Die Rede ist von Grigorios Lambrakis, der am 22. Mai 1963 in Saloniki ermordet wurde. Nach seinem Tod füllten sich die Hauswände der Städte mit dem Zeichen Z:  ζει, er lebt! Zu seiner Beerdigung strömten die Massen.

Auf dem Foto siehst du ihn dreimal: Als Leichtathlet, als Politiker, als Arzt und Sohn. Geboren wurde er 1912 in einem armen Dorf in Arkadien, als 14. von 18 Kindern. Er studierte mit Begabtenstipendium Medizin, wurde leitender Gynäkologe und Dozent an der Uni-Klinik von Athen, blieb 20 Jahre lang panhellenischer Meister im Weitsprung, war erfolgreicher Sprinter und Dreikämpfer und nahm 1936 an den Olympischen Spielen in Nazi-Deutschland teil. Von da stammt auch dieses seltene Foto von Jesse Owens und Grigoris Lambrakis (http://hdl.handle.net/1811/53262)

Jesse Owens posed with Gregory Lambrakis, Berlin, 1936

Jesse Owens posed with Gregory Lambrakis, a Greek athlete, at the Berlin Olympics, 1936,

Jesse Owens war bei den Olympischen Spielen 1936 4facher Goldmedaillen-Gewinner, ein Nigger, wie peinlich. Hat Hitler vorzeitig das Stadion verlassen, damit er ihm nicht die Hand schütteln musste? Darüber streiten sich die Gelehrten heute noch. Unstreitig ist, dass der US-Präsident dem vierfachen Sieger nicht mal ein Glückwunschtelegramm zukommen ließ. Und natürlich war es nicht opportun, sich mit einem Nigger zusammen fotografieren zu lassen, wie es Gregorios Lambrakis tat, der im Weitsprung den 14. Platz erreichte.

Aber so war Lambrakis, und deshalb wurde er auch ermordet. Er kämpfte für Frieden und Völkerverständigung und gegen die Aufrüstung, gegen die NATO, gegen den Krieg in Vietnam, gegen die US-Stützpunkte in Griechenland. Am 21. April 1963 organsierte er, inzwischen Abgeordneter der linken Partei, in Athen den ersten Friedens-Marathonlauf. Der wurde verboten, und so lief er, im Schutz der parlamentarischen Immunität, allein.

grigoris_lamprakis

Einen Monat später war er tot. Ein dreirädriger offener Lieferwagen überfuhr ihn, als er, von einer Friedensdemonstration in Saloniki zu seinem Hotel ging, und einer der Männer auf der Ladefläche schlug ihm mit einem Knüppel auf den Kopf. Fünf Tage später starb er an den Folgen der Verletzungen.

Und die Wände der Städte füllten sich mit dem Zeichen Z.  Zει = er lebt!

Vier Jahre nach dem historischen Marathonlauf von Lambrakis, auf den Tag genau, nämlich am 21. April 1967, putschten dieselben Kräfte, die ihn umgebracht hatten, und es begann die siebenjährige Militärdiktatur der Obristen. Hier siehst du ihr offizielles Emblem. Das Vieh auf dem Bild soll ein Phönix sein, der aus der Asche wiedergeboren wird. Nun ja.

21april1967

Vielleicht kennst du ja den FilmZ Anatomie eines politischen Mordesvon Costa-Gavras, einem griechischen Regisseur, der nach Frankreich emigrierte? Gedreht wurde der Film 1969, was nicht so einfach war, denn niemand wollte sich die Finger verbrennen. Schließlich war das Thema den Obristen nicht genehm, und dieser Lambrakis war irgendwie Kommunist, wenn auch kein Parteimitglied. Die NATO mochte ihn natürlich auch nicht. Als Drehort fand sich schließlich Algier. Yves Montant spielte Lambrakis, Jean-Louis Trintignant den Staatsanwalt Tzartzetakis, der trotz aller Repressalien versuchte, einen fairen Prozess zu führen (dieser Staatsanwalt wurde später Präsident der Republik und war eine ziemliche Enttäuschung, denn er sah gar nicht wie Trintignant aus), die Filmmusik schrieb Mikis Theodorakis.

10376298_1135642543133466_5251526771254656493_nDie Filmhandlung beruht auf der „fantastischen Dokumentation eines Verbrechens“ von Vassilis Vassilikos:  „Z“ = er lebt! %ce%b5%ce%b9%ce%ba%cf%8c%ce%bd%ce%b1-011 Während der Diktatur wurde  dieses Z zum Freiheits-Symbol schlechthin und folgerichtig verboten, zugleich mit dem Tragen von langen Haaren (junge Männer), Miniröcken (junge Frauen), Sophokles, Tolstoi, Euripides, dem Zerschlagen von Gläsern nach Trinksprüchen, Streiks, Aristophanes, Sartre, Pressefreiheit, Soziologie, Beckett, Dostojewski, Popmusik, moderne Mathematik… (heißt es im Abspann des Films).

Als ich von der neuen Form des Terrors – zuerst in Nizza, nun in Berlin – erfuhr, dachte ich automatisch an Lambrakis. Ein Auto als Mordwerkzeug. Damals war es ein dreirädriger klappriger Lieferwagen, und Ziel war ein bestimmter Mensch, ein politischer Gegner, der für Freiheit und Frieden stand. Heute sind es riesige Sattelschlepper oder Gefrierlaster, und Gegner ist die ganze Zivilgesellschaft. Bei Licht besehen ist der Unterschied nicht groß: immer ist der Gegner die Freiheit des Denkens. Die Aufklärung des Mordes an Lambrakis dauerte drei Jahre, die Täter wurden wegen Totschlag verurteilt. Die Hintermänner gingen selbstverständlich straffrei aus.

220px-gregorislambrakis

Gregoris Lambrakis am 21. April 1963,

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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17 Antworten zu Griechisches Alphabet des freien Denkens: Z wie ζει (er lebt)

  1. kunstschaffende schreibt:

    Zum ersten Mal höre ich von Grigorios Lambrakis, nach Deiner Beschreibung war er ein unglaublich mutiger Mann! Als ehemalige Leichtathletin, kenne ich natürlich Jesse Owens!
    Das G.L. ganz alleine für den Frieden lief und nach seiner Ermordung gefeiert wurde, ist um so trauriger!
    Danke liebe Gerda, für diesen interessanten Beitrag, den ich auf Wiki noch vertieft recherchieren werde!

    Liebe gute Nacht Grüße Babsi

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      danke auch dir, liebe Babsi. Der klassische Marathonlauf von Athen nach Marathon ist nach ihm benannt worden, und es gab eine sehr aktive Lambrakis-Friedensbewegung, in der sich jungen Menschen zusammenschlossen. Hier ist er sehr bekannt, aber natürlich kaum in anderen Ländern.

      Gefällt 1 Person

  2. finbarsgift schreibt:

    Was für ein Mann, was für eine Lebensleistung, so abrupt unterbrochen…

    Eine politische Tragödie,
    wieder mal,
    es ist zum aus der Haut fahren,
    egal, welche Hautfarbe…

    Beeindruckend, deine Schilderung!
    Ich hab Z mal gesehen mit den großen französischen Schauspielern in den Hauptrollen, großes Kino!

    Liebe Morgengrüße vom Lu

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    • gkazakou schreibt:

      Danke, lieber Lu. Vielleicht müssen manche Menschen in solch dramatischer Weise sterben, damit ihre Ideen leben können. Ich denke beispielsweise an Menschen wie Martin Luther King, der mehr durch seinen Tod als durch sein Leben in Bewegung setzte…. Es gibt viele solcher Beispiele von geistigen Siegen durch Opfer des Lebens. Das reinste Grundmuster für Christen ist Jesus Christus. „Er lebt“ – ζει – wie der Samen, der in der Erde stirbt, um in allen Menschen wieder aufzuerstehen als Nahrung, Liebe und Idee….
      Ich denke weiter darüber nach und bin schon beim nächsten Buchstaben. Liebe Grüße aus einem lichten Morgen! Gerda

      Gefällt 4 Personen

      • finbarsgift schreibt:

        Sie werden zusätzlich berühmt als Märtyrer, das gilt für alle drei von dir hier erwähnten Männern…
        Mir tut das immer besonders weh…dass es so sein muss!
        Schön, deine exzellenten Buchstaben-Dörfer 🙂
        Liebe Abendgrüße vom Lu

        Gefällt 3 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Ja, lieber Lu, das Märtyrertum ist auch son zweischneidiges Schwert …Leider gibt es die, die die Toten „verwerten“ als Kronzeugen für ihre Ideologien. Und dann gibt es die verrückten Nachahmungstäter, waren ja bei den ersten Christen ganz scharf darauf, den Märtyrertod zu erleiden, so wie jetzt wieder gewisse islamische Selbstmordtäter. Etwas anderes ist es, für seine Überzeugungen einzustehen und notfalls, wenns nicht anders geht, auch das Leben zu lassen, und was anderes, den Tod geradezu zu suchen, um irgendwas zu beweisen. Gerda

      Gefällt 3 Personen

      • finbarsgift schreibt:

        So ist es…

        Über den Tod hinaus weiter wirken, ein sehr hoher Anspruch,
        den kein Mensch wirklich auf Dauer erfüllen kann, weil die Menschheit zuuu vergesslich ist…

        Wie anders könnte man die Wiederbelebung von gewissem „Nazi-Gedankengut“ erklären?!

        Durch die Zuwanderung von sogenannten Flüchtlingen ja wohl nicht! Da steckt doch viel mehr dahinter!!

        Dir ein frohes Weihnachtsfest wünsche, liebe Gerda!
        Herzliche Grüße zur Nacht vom Lu

        Liken

  3. mmandarin schreibt:

    Nein, die Geschichte von Lambrakis kannte ich nicht. Danke dafür. Was für ein großartiger Mansch. Ich verneige mich vor ihm. Marie

    Gefällt 3 Personen

  4. lieberlebenblog schreibt:

    Liebe Gerda, Ich gehöre ja deiner Generation an, kam 1967/68 an die Uni, mitten hinein in die Zeit, die viele als lästigen Aufruhr, wir dagegen als Aufbruch, als Weckruf für wahre Demokratie verstanden. Die Machtübernahme der Obristen in Griechenland haben wir damals mit Schrecken verfolgt, und Lambrakis war uns nicht erst seit „Z“ ein Begriff. Danke, dass du seine Geschichte in Erinnerung gerufen hast – Menschen wie ihn brauchen wir mehr denn je.

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Danke für deine Zustimmung. Wir brauchen vor allem, dass Gedanken und Haltungen.wie die seinen – und damit meine ich vor allem sein bedingungsloses Eintreten für Frieden und Völkerverständigung .- „Schule“ machen.
      Wir sind übrigens nur in etwa gleiche Generation, denn ich bin älter und habe bereits 1961 mit dem Studium begonne, 1965- 67 im AStA der FU den „lästigen Aufruhr“ mit angefacht. 😉

      Gefällt 2 Personen

  5. dergl schreibt:

    Danke, auch ich wusste nichts von Lambrakis.

    Weißt du, woran wir auch denken mussten bei Auto als Mordwerkzeug beziehungsweise eher bei dem erschossenen ursprünglichen Fahrer des Lastwagens: Die RAF-Morde, bei denen es eine Kooperation in den Nahen Osten gab. In Schleyers Wagen wurde reingeschossen, (der Pilot der danach entführten Maschine erschossen), Gerold von Braunmühl wurde erschossen kurz nach dem er aus dem Auto stieg und noch versuchte sich hinter eines zu retten, Siegfried Buback von einem fahrenden Motorrad aus…

    Gefällt 1 Person

  6. juergenkuester schreibt:

    Wieder mal, Danke dafür, ein Beitrag so richtig nach meinem Geschmack- mit aktuellem Bezug, sehr gut, Liebe Grüße Juergen

    Gefällt 1 Person

  7. Ulli schreibt:

    Danke Gerda!!!
    und schon bin ich wieder weg, musste aber unbedingt deinen neuen Beitrag lesen und das hat sich so sehr gelohnt. Ich wusste auch nichts über diesen mutigen Mann, ein Vorbild!
    herzlichst
    Ulli

    Gefällt 1 Person

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