E wie ΕΛΕΥΘΕΡΙΑ, unterwegs nach Eleusis.

ΕΛΕΥΘΕΡΙΑ – ΕΛΕΥΣΙΣ

Freiheit – Eleusis

Wir leben jetzt in der Vorweihnachtszeit, und es ist verführerisch, die Stimmung des Advent, was ja nichts anderes bedeutet als Ankunft, auf Eleusis zu beziehen. Denn Eleusis heißt, wie ich bereits ausführte: Ankunft: Eine Geburt wird erwartet. (https://gerdakazakou.com/2016/12/16/alphabet-des-freien-denkens-der-fuenfte-buchstabe-eleutheria-elysium/)

Ein drittes verwandtes Wort soll mir die Brücke bilden zwischen Freiheit und Eleusis: ΕΙΛΕΙΘΥΙΑ, die göttliche Geburtshelferin.

Dazu eine kleine vorweihnachtliche Geschichte: Als ΛΗΤΩ (Leto) mit den Zwillingen Apollon und Artemis schwanger ging, konnte sie nirgends ein Fleckchen Erde finden, um zu gebären. Denn Hera hatte die Erde durch Eid gebunden, Leto nicht aufzunehmen. Warum? Sie fürchtete, Letos Kinder würden einst ihre eigene Macht untergraben. (So dachte später auch Herodes bezüglich Marias Sohn….). Schließlich ließ Poseidon eine winzige schwimmende Insel mit vier diamantenen Säulen am Meeresgrund befestigen: ΔΗΛΟΣ (Delos), wo Leto, angeklammert an den Stamm eines Feigenbaumes, in schwere Wehen kam. Aber gebären konnte sie nicht. Denn Ειλείθυια, die Geburtshelferin, traute sich nicht, gegen Herodes Heras Gebot zu handeln. Erst als sie mit einem herrlichen Geschmeide, das Hephaistos aus Mondlicht geschmiedet hatte, bestochen wurde, half sie, und so konnte Leto Artemis zur Welt bringen. Die half dann ihrerseits, ihren Zwillingsbruder Apollon zu entbinden. Apollon, der Sonnengeist – Gott der Musik, der Weisheit und Prophetie, war geboren.

Wenn du auf der Heiligen Straße von Athens antikem Friedhof nach Eleusis gingest – 22 km etwa sind es -, träfest du auf halber Strecke eine im 6. Jahrhundert gebaute Klosterkirche, die mit herrlichen Mosaiken geschmückt ist. Leider wurden sie 1999 durch ein Erdbeben schwer beschädigt.

 

Das Kloster ist Weltkulturerbe. Es heißt Daphne=Lorbeer. Ja, warum nur? fragst du dich. Und wenn du dann ein bisschen nachforschst, findest du heraus, dass am selben Ort früher ein mächtiges Apollon-Heiligtum stand. 320px-%ce%bf_%ce%ba%ce%af%ce%bf%ce%bd%ce%b1%cf%82_%cf%83%cf%84%ce%b7_%ce%bc%ce%bf%ce%bd%ce%ae_%ce%b4%ce%b1%cf%86%ce%bd%ce%af%ce%bf%cf%85_%ce%b1%cf%80%cf%8c_%cf%84%ce%bf_%ce%b9%ce%b5%cf%81%cf%8c_%cf%84  Der gemanische Stamm der Gothen hat es im 4. Jahrhundert n.Chr. dem Erdboden gleichgemacht, dabei eifrig unterstützt von „Schwarzröcken“, christlichen Mönchen, die gegen die alten Götter wetterten. (Aber das ist eine andere Geschichte).

Apolls erste Liebe und Leidenschaft war die Nymphe Daphne – er verfolgte sie, doch in letzter Sekunde entkam sie seiner Gewalt, indem sie sich in einen Lorbeerbaum verwandelte. Apoll, reumütig, machte die Blätter zum Zeichen des Sieges.

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Seither bekränzen sich Diktatoren, Poeten und Sportler gern mit dem Laub dieses Baumes. (Aber das ist wieder eine andere Geschichte).

Der Apollon-Tempel war der Platz, wo sich die Menschen, die zu den Mysterien nach Eleusis strömten, noch einmal ausruhen, reinigen und innerlich sammeln konnten, bevor sie sich den seelischen Erschütterungen aussetzten, die die in Eleusis gespielten Dramen unweigerlich in ihnen auslösen würden.

Eine Geburt wird in Eleusis erwartet. Aber welche? Meine eigene vielleicht? Und wird die Geburtshelferin zur Stelle sein?

Der vierte Advent ist heute, wo ich dies schreibe. Drum verzeiht mir, dass ich immer wieder ins Christliche abschwenke, anstatt auf der antiken Heiligen Straße nach Eleusis voranzuschreiten. Auch wir erwarten ja eine Geburt. Wieder ist eine Hochschwangere unterwegs, die keinen Ort finden kann, um niederzukommen. Schließlich findet sich eine Höhle, findet sich ein Stall  … und geboren wird das „Licht der Welt“ – ein anderer Apoll.leonardo_da_vinci_-_vergine_delle_rocce_louvre

Geburt ist Befreiung. Im Griechischen wünscht man der Schwangeren „gute Befreiung“. Wenn aber das „Licht der Welt“ geboren wird, wird nicht nur die Mutter glücklich befreit,  sondern die ganze Welt. Von der Sündenlast, sagen die einen. Von Krieg und Verderben, Krankheit und Hungersnot, sagen die anderen.  Oder aber auch: vom Tod.

Was geschah in Eleusis? Wir wissen es nicht wirklich, denn es war ein Mysterium, das sich dort vollzog. Und der Μυημένος (Eingeweihte) hatte zu schweigen über das, was er dort erlebte. Dennoch wissen wir so viel: es ging um Tod und Wiedergeburt. Persephone, die Tochter der Demeter, wurde von Hades geraubt. Im Frühling (zu Ostern) durfte sie wieder auferstehen, durfte wieder auf der Erde gehen, und ihre Mutter ließ wieder die Halme sprießen. Ein anderes Drama, das dort gespielt wurde, war das von Dionysos – dem „zweimal Geborenen“. Er starb, wurde zerrissen und „im Vater“ (Zeus) erneut geboren. Auch bei der Geburt Jesu geht es um Tod und Auferstehung, nicht wahr? Alles läuft darauf zu. Er muss sterben, um im Frühling aufzuerstehen und uns vor Augen zu führen, dass es den Tod nicht gibt.

Wie der Same, der ins Erdreich gelegt wird und erstirbt ….

Das ist das Mysterium von Eleusis. Im Mysteriendrama erfährst du, dass es den Tod nicht gibt. Wenn du danach in dein normales Leben zurückkehrst, bist du gewandelt. Die Angst vor dem Tod kann dich nicht mehr erschüttern. So verstanden es die Alten, so verstehe ich es.

Auch im christlichen Heilsgeschehen geht es um die Überwindung des Todes. Die Griechen, geschult durch die Mysterien, wussten das, und so ist es kein Wunder, dass die griechisch-orthodoxe Kirche nicht die Geburt oder Kreuzigung, sondern die Auferstehung Christi zum Hauptfest erklärte.

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Die Auferstehung, Kloster Chora, Istanbul

In Eleusis erfuhren die Adepten: Ihr werdet nicht sterben, sondern wieder geboren werden. Wie die Saat, die in den Boden gesenkt wird, wie Persephone, die von Hades geraubt wird, wie Dionysos, der zerrissen wird. Dein Körper stirbt, aber dein Leben wird weitergehen. Denn den Tod gibt es nicht wirklich.

Darin  liegt zugleich der Kern des Freiheitsgedankens. Denn er besagt: du selbst bestimmst dein Schicksal, von Leben zu Leben zu Leben schaffst du es dir. An dir liegt es, wie du lebst, wie du stirbst und welchen Bedingungen du unterworfen bist. Du bist frei, dir eine Hölle oder einen Himmel zu schaffen.

Es liegt an dir.

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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9 Antworten zu E wie ΕΛΕΥΘΕΡΙΑ, unterwegs nach Eleusis.

  1. Susanne Haun schreibt:

    Nicht nur in den Worten, auch in den Bildern finden wir diese Überschneidungen. Über die Zeichnung der Auferstehung im Kloster Chora habe ich eine Hausarbeit in Bezug auf das Wolfenbüttler Musterbuch geschrieben. Im Musterbuch sind formale Zeichnungen, die überall in Europa auf zu finden sind, von San Marco über Sizilien, Istanbul, Serbien, Goslar … es ist ein sehr interesantes Thema.
    Liebe Grüße von Susanne

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Wolfsburger Musterbuch? Nie gehört, sehr interessant, danke, da muss ich gleich mal recherchieren. Beste vorweihnachtliche Grüße! Gerda

      Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Liebe Susanne, das ist ein hochinteressanter Tipp von dir, herzlichen Dank noch mal. Ich interessiere mich ein wenig für das Thema, welchen Einfluss die griechisch-byzantischen Künstler, Wissenschaftler, Techniker, Philosophen auf die Renaissance in Italien hatten. Nach dem Fall von Konstantinopel, aber auch schon in den hundert Jahren davor (nach dem räuberischen Überfall der Kreuzritter auf das Zentrum der griechischen Welt, den venezischen und genueser Handelsniederlassungen auf den Inseln etc ) zogen ja viele griechische Gelehrte und Künstler nach Italien, insbesondere nach Venedig.
      Völlig unbekannt war mir, dass sich, von Italien ausgehend, dann ihr Einfluss auch auf die deutsche Kirchenkunst ausdehnte. Ist deine Hausarbeit in elektronischer Form einsehbar?.

      Gefällt 1 Person

      • Susanne Haun schreibt:

        Liebe Gerda, nein die Hausarbeit ist nicht elektronisch einsehbar. Sie ist mit reichhaltigem Bildmaterial ausgestattet, wofür ich unterschrieben habe, dass ich es aus Lizenzgründen nicht veröffentliche. Aber ich sende dir meine Hausarbeit gerne per Mail zu, sie ist mit sehr gut vom Professor beurteilt worden. An welche Mail – Adresse soll ich sie senden? Die vom Blog?

        Gefällt 2 Personen

  2. Ulli schreibt:

    Liebe Gerda,
    ja, genau so habe ich auch das Mysterium um Eleusis verstanden. Zudem macht es auch für mich Sinn, dass im Frühling die Auferstehung gefeiert wird. Persenophe kam zurück aus dem Hades bis zum Herbst, Demeter hörte auf zu Wüten, das ist eben die griechische Variante, dann die christliche, Tod/Kreuzigung – Wiedergeburt für mich aber schon nicht mehr wirklich im Jahreskreis eingebunden und von daher hat für mich diese „Geschichte“ einen grossen Hinkefuss. Ich bin mir sicher, würden wir noch mehr Mythologien kennen oder uns mit ihnen auseinandersetzen ähnliches mit selbem Hintergrund zu finden ist. Zumindest fällt mir noch die von mir schon oft zitierte Innana ein, auch sie musste in die Unterwelt, starb und ward wiedergeboren (durch die Hilfe ihrer Magd), ihre Widersacherin war auch eine Frau, nämlich ihre Schwester, die in der sumerischen Unterwelt herrschte. Nur Frauen … sodass ich es so verstehe, dass es in der Zeit noch eine matriarchale Orientierung gab. Nach Innanas Wiedergeburt aber kommt ein Bruch. Innana hatte einen starken Gegner, gegen den sie ganz am Ende verlor, aus war es in der Welt mit dem Matriarchat. Dies alles fand noch vor den griechischen Mythologien statt und sowieso noch vor den christlichen.
    Das alles mal in Kurzfassung, ich muss weiter, es gibt noch sooo viel zu tun!
    herzlichst
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

  3. juergenkuester schreibt:

    Liebe Gerda! Ich bin immer b geeister, von dem was Du da schreibst, den vielen Querverbindungen, und muss auch stets zweimal lesen, um wirklich zu verstehen. Danke Dir! Liebe Grüße Juergen

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      hab herzlichen Dank für deine Rückmeldung, Jürgen. Ich verkürze natürlich maßlos, lasse viele Zwischenschritte aus, assoziiere unhistorisch-synchronizierend 😉
      Mein Schreiben ist eben auch eine Kunstform, die es gut verträgt, dass man zweimal hinschaut. Also Danke! Gerda

      Gefällt 1 Person

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