Alphabet des freien Denkens: Γ wie γέλιο

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Alfred Eistenstaedt, Kinder im Puppentheater, 1963

Ach, lachen können wie die Kinder!

Γ (Gamma) ist der dritte Buchstabe im griechischen Alphabet. Und Γέλιο – auszusprechen etwa wie yellio (denk an englisch yellow) ist das Lachen. Der Mensch lacht, drum ist er ein Mensch. Und wenn er „von Herzen“ lacht, geschieht etwas mit ihm, löst sich eine innere Spannung, Tränen rollen, laufen über sein verzerrtes Gesicht, als hätte er Schmerzen, er windet sich, hält sich den Bauch, stößt den Atem in kurzen wiehernden, kreischenden, heulenden Lauten aus dem offenen Mund, atmet heftig ein, um erneut eine Lachsalve loszulassen, bis sein Zwerchfell ächzt, seine Beine nachgeben, seine Blase sich entleert, aber aufhören kann er nicht, er lacht und lacht, winselt um Gnade – hör auf, hör auf mit deinen Witzen, du bringst mich noch um. gelio Und wenn er dann endlich aufhören kann, wischt er sich die Tränen aus den Augen, atmet erleichtert auf und … ist gesund und glücklich. Och, war das gut!

Lachen Tiere auch? Der griechische Philosoph Aristoteles meint: nein. Das Lachen unterscheide den Menschen vom Tier. Ich meine, er hat recht, und darum habe ich das Wort Yellio zum Vertreter des dritten Buchstabens des „Alphabets des freien Denkens“ erkoren.

Oder lachen auch die Hühner, die Hunde, die Eulen und Kamele, von dem der Buchstabe Gamma seinen Namen hat:  gîmel = Κamelhals in einer untergegangenen Sprache, der phönizischen? full_klnzoo362 Das vielwissende Wikipedia meint, das Lachen werde „in einer Gehirnregion ausgelöst und gesteuert, die deutlich älter ist als das Sprachzentrum“. Lachen können die Menschen tatsächlich früher als sprechen …. lachen aber so manchem wird es auch früher wieder ausgetrieben.

Manchmal ist es die gesellschaftliche Rolle, die einen Lacher verquält aussehen lässt. Darf man oder darf man nicht lachen?  foto-poly-gelio-ellinas-zografizei-chitleriko-moustaki-sti-merkel-sto-karnavali-tis-kolonias-160

Und da sind wir nun im Kern der Sache: Lachen hat was Anarchisches. Lachen befreit. Ja! Es zertrümmert Hierarchien, untergräbt Würdenträger, stellt Kaiser bloß („Er hat ja gar nichts an“, rief das Kind und lachte herzlich über den Kaiser ohne Kleider). Lachen ist das Mittel des kleinen Mannes, des Unterdrückten, des Mühseligen zu sagen:  Ich lache über euch, also bin ich.

Umberto Eco hat ein hochinteressantes Buch geschrieben, das du natürlich kennst: Der Name der Rose. Und worum geht es da? Ums Lachen. Um die aristotelische Theorie der Komödie. Die durfte um Gottes willen nicht unters Volk gebracht werden. Lieber den gesammelten Wissensbestand abfackeln. Wenn das Volk lacht, wird es gefährlich. Lachen ist nicht gottgefällig. Weint, ihr Menschen, soviel ihr wollt! Aber Lachen untergräbt die Autorität. „Wir werden dir das Lachen schon noch austreiben“ ist eine wüste Drohung des Mächtigen gegenüber dem Ohnmächtigen. „Wer lacht, macht sich verdächtig, dass er aus Gründen lacht“ (Rühmkorf). Die Scholastiker des Mittelaltern lösten das schwierige Lachproblem schließlich, indem sie gutes und schlechtes Lachen unterschieden. Hier siehst du die erlösten und die verdammten Fürsten – die guten und die bösen Lacher also – am Bamberger Fürstenportal.

Das Anarchische des Lachens haben sich Dichter wie Franz Villon (geboren 1423 – gestorben unbekannt) zur Waffe gemacht.  „An einem Stricke baumelnd, der ein Klafter lang, Weiß bald mein Hals, welch ein Gewicht mein Hintern hat“ dichtete er angesichts seiner drohenden Hinrichtung. Das ist wahrer Galgenhumor. Und so meine ich, das griechische Gamma auch besser zu verstehen: das ist kein Kamelhals, das ist ein Galgen. Und der kleine Buchstabe ist die Schlinge des Galgenstricks.  1280px-gamma_uc_lc-svg Immer schon liebten es die Griechen zu lachen, unter allen Umständen und erst recht, wenn es ihnen an den Kragen ging. „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“. Und so lachen sie auch heute, wo ihnen das Wasser mal wieder bis zum Hals steht. Sie machen sich lustig über ihre Quälgeister und über sich selbst.  Es klingt vielleicht nicht mehr so kräftig  wie damals, als die Götter ins olympische Gelächter ausbrachen. Das war, als die Liebesgöttin Aphrodite und der Kriegsgott Ares im Netz des betrogenen Gatten Hephaistos zappelten. Alle Götter standen um das ehebrecherische Paar herum und lachten und lachten, dass der weite Himmel davon widerhallte.

Lachende Menschen darzustellen ist ziemlich schwierig und nur wenige Maler haben sich damit abgegeben. Denn der aufgerissene Mund, die bleckenden Zähne erschrecken, anstatt heiter zu stimmen. (Frans Hals ist da eine Ausnahme)800px-frans_hals_umfeld_malle_babbe_und_der_trinker

Und so habe ich auch keine Lachenden gemalt. Aber ein eigenes Bild möchte ich hier doch gern einfügen. Er ist eine Szene auf dem fliegenden Teppich. Ich hoffe, du hörst das übermütige Lachen der Damen und das HoHo und HaHa der Herren, die ihnen himmlischen Trank servieren. Und – wer weiß – vielleicht stimmen auch die Vögel ins Gelächter der Welt ein. .

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Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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28 Antworten zu Alphabet des freien Denkens: Γ wie γέλιο

  1. Myriade schreibt:

    Schimpansen fletschen die Zähne und manchmal sieht das aus wie Lachen, es ist aber ein Zeichen von Aggressivität. Das menschliche Lachen ist auch in der Verhaltensforschung interessant

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  2. Simmis Mama schreibt:

    Gerda, ein toller anarchistischer Artikel ;). Lachen hat mich durch die Jugendamtszeit gebracht und mich überleben lassen 🙂
    Ich schicke dir ein herzliches Lachen 😀 mit ❤

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  3. versspielerin schreibt:

    ein wunderbarer beitrag mit tiefgang! 😀

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  4. finbarsgift schreibt:

    Was für ein Hochgenuss!!

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  5. gartenkuss schreibt:

    Ein wundervoller Beitrag 🌹. 🙋⭐

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  6. mmandarin schreibt:

    Liebe Gerda, eine spannande „Abhandlung“ übers Lachen. Trotzdem schicke ich dir heute Morgen „nur“ ein Lächeln, aber das von Herzen. Marie

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  7. afrikafrau schreibt:

    Meine Lachfalten lassen grüssen……. nur nebenbei, Tiere
    lachen auch……(bekomt man nur bei genauer Beobachtung mit!)

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    • gkazakou schreibt:

      Wenn ich über den Hof zu einer Freundin gehe, kommt immer ein großer schwarzer Hund auf mich zu, schwanzwedelnd, aber schrecklich aussehend mit nblendend weißen gefletschten Zähnen im schwarzen Gesicht. „Er lacht“, sagt meine Freundin

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  8. bruni8wortbehagen schreibt:

    Was für ein wundervoller Artikel über das Lachen, liebe Gerda.
    Das Lachen, das nur wir Menschen haben, obwohl meine Tochter immer behauptet, Nora, ihr großer schwarzer Hund, könne wirklich lachen. Sie erkennt es an ihm, ich nicht *g*
    Da lachen ja die Hühner ist eines unserer seltsamen Sprichworte, wenn wir von etwas Unglaubhaftem reden.
    *Aber Lachen untergräbt die Autorität* finde ich in Deinem tollen Text. Ein Mensch, der den anderen gut kennt, sozusagen in ihn hineinhören kann, der kann vielleicht erkennen, wieso da einer lacht und wieso er das tut. Es erfordert große Menschenkenntnis, um Lachen richtig einzuordnen… Und die Kirche tat es bestimmt niemals. Sie mochte es grundsätzlich nicht…

    Das erleichernde Lachen habe ich mit einer meiner Töchter vor kurzem erlebt. Es fiel ein Ausspruch, der uns beide so sehr amüsierte, daß wir immer wieder darüber lachten, wir konnten nicht anders, wir brauchten uns nur anzusehen und schon ging es wieder los 🙂

    Was würden wir nur ohne Lachen und Lächeln machen? Dumm oder traurig ständig aus der Wäsche gucken? Nein, das ist nicht genug. Es gibt ja so viele Gesichtsausdrücke und Stimmungen…

    Danke für Dein Lachen und für alle Informationen, die Du scheinbar so locker in Deine Texte einstreust.

    Herzliche Grüße von Bruni

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Bruni, da die Wissenschaft meint, das Lachzentrum habe sich früher als das Sprachzentrum entwickelt, ist es durchaus möglich, dass es auch bei den Tieren dafür eine Anlage gibt. Aber eben nur die Anlage. Bei Tieren, die ständig in Gemeinschaft mit Menschen leben, scheint sich diese Anlage ein wenig weiter zu bilden. Unser Hund zB spricht. Er redet die Menschen an, die er kennt, begrüßt sie ordentlich mit einem fröhlichen U-uu, das viel höher klingt als seine sonstige Stimme ….
      Zur Kirche wäre noch zu sagen: Die Kirche musste natürlich auch diesen Lebensbereich regeln, denn nichts Menschliches ließ sie einfach da sein. Der französische König (einer der Ludwige) umschiffte das Problem, dass die Kirche zu seiner Zeit noch kein endgültiges Lach-Dogma formuliert hatte, dadurch, dass er am Freitag nicht lachte….
      Auch mir passiert es selten, so richtig von Herzen zu lachen. Aber wenn es mich packt, krieg ich mich auch schwer ein. Es ist so eine Art Seelen-Orgasmus, nehme ich an: das Denken setzt aus und andere Regionen übernehmen die Regie. 🙂

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  9. Susanne Haun schreibt:

    Das Lachen ist ein schönes, befreiendes Thema zur Weihnachtszeit!
    Danke, Gerda.

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  10. Ulli schreibt:

    Liebe Gerda,
    Lachen, bis der Bauch wackelt, bis man keine Luft mehr bekommt, hach, das tut sooo gut und könnte ich jetzt auch mal wieder tun. Ich lächele viel, ich lache auch, aber so … leider viel zu selten!
    Du fragst, ob Tiere lachen können, ich finde dein eingestelltes Bild von dem Kamel sagt doch alles oder interpretiere ich es nur hinein? Ich denke an die Freude der Hunde, wenn „Frauchen“ oder „Herrchen“ wieder Nachhause kommt- nun, sie zeigen Freude, Erleichterung, aber lachen höre ich sie auch nie, nur ein breites Grinsen lässt sich hier und da erkennen, oder ist das nun auch wieder nur Interpretation?
    Findest du es auch seltsam, dass Lach-Yoga so „in“ ist? Aber vielleicht ist das ja in Griechenland anders, hier boomt es- wenn`s hilft 😉
    Ein fröhliches Bild zeigst du uns am Ende, da wird mir beim Betrachten ganz leicht ums Herz.
    Ich habe bei H= Hilfe, aber ich dachte später da gehört Humor hinein, aber dazu komme ich dann noch …
    herzliche Sonntagnachmittaggrüsse, nun wieder sehr beschwingt, eeeendlich!
    Ulli

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    • gkazakou schreibt:

      Gibts hier auch, das Lach-Yoga, eine Freundin betreibt es, es kann schon sein, dass es therapeutisch wirkt, aber ich war noch nicht da. Ich lache immer noch lieber, wenn mir grad danach ist (was leider nicht allzu häufig vorkommt). Man muss ja nicht jede Lebensäußerung in ein Therapiekonzept pressen.
      Ich freu mich, dass dir die Gesellschaft auf meinem Fliegenden Teppich gefällt! Liebste Grüße!

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  11. Pingback: Alphabet – mutig geträumt – C |

  12. karfunkelfee schreibt:

    Liebe Gerda,

    Ah, ich vergaß, das griechische Alphabet hat eine andere Buchstabenreihenfolge und teils auch andere Buchstaben.
    Nun, dann setze ich hier jetzt mal das G ein wie Gerda, wie Gewinn, Güte, wie Grauen oder Griesgram oder Glück.
    Farblich empfinde ich diesen Buchstaben fast als heiß. Er ist glutorange in meiner Wahrnehmung wie die auf- oder untergehende Sonne. Wenn man ihn ausspricht würgt er hinten im Hals. Das griechische Gamma lernte ich hinten im Rachen auszusprechen. Wie treffend Dein Vergleich mit dem Galgen oder der Schlinge, denn das G kann auch einen würgenden Charakter haben.
    Dennoch zählt er für mich zu den weichen Buchstaben und hat insgesamt eine warme, Ausstrahlung.

    Einen lieben Gruß von der Karfunkelfee

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    • karfunkelfee schreibt:

      …P.S.: Das Adjektiv Guttural…trifft das G wunderbar!

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    • gkazakou schreibt:

      G – der griechische Galgen-Buchstabe – repräsentiert, wie du vielleicht weißt, zwei verschiedene Laute: den hinten im Rachen und den j-Laut, wie in Gelio (Lachen) – Jelio gesprochen. Für mich ist dieses G-J ein Quittegelb. Bei dem im Rachen denke ich eher an Grau wie gaidaros-der Esel. In γίγαντας, Gigant sind beide vertreten – gelb-grau sozusagen. Heiß findest du ihn? Interessant.Vielleicht weil er als rauer Atem aus dem Rachen, dem Schlund kommt wie die Lawa aus dem Krater.

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